Anita Baker – My Everything

Solide Qualität, etwas anderes wird kaum jemand über das erste Anita Baker-Album im neuen Millennium behaupten. Doch bei der näheren Bewertung gehen die Meinungen stark auseinander, wobei sowohl die meisten Kritiker wie die meisten Fans Recht haben aus meiner Sicht.

Aufgrund familiärer Probleme / Aufgaben gab es ganze zehn Jahre keine neue CD der Künstlerin. An die meisten Künstler erinnert sich nach so einem Zeitraum auch fast niemand mehr, ganz anders bei Anita Baker!

Doch viele Fans haben einfach mehr von ihr erwartet: mehr Abwechslung, mehr Entwicklung oder einfach auch mehr Spielzeit, denn eine knappe Dreiviertelstunde ist heutzutage einfach ein bisschen knapp!

Musikalisch entdeckt Anita Baker nicht gerade Neuland mit „My Everything“, doch das muss sie auch nicht: Frei von aktuellen oder vergangenen Trends präsentiert sie eine zeitlose Mischung aus unspektakulärem, unaufgeregtem, sehr erwachsenem Soul, den Fans des Genres auch in zehn und zwanzig Jahren noch genießen werden. Leider gilt bei ihren Songs diesmal: Kennst Du einen, kennst Du alle. Anita Baker könnte weit mehr bieten, als sie hier zeigt. Nun bin ich durchaus ein Fan von Alben, bei denen ein Stil durchgehalten wird anstatt zu zeigen, was man alles kann. Doch hier ist es selbst mir ein wenig zu eintönig.

Mit dem Begriff „Kult-Label“ bin ich sehr, sehr vorsichtig, für Blue Note Records lasse ich den jedoch gelten; insofern verstehe ich um so weniger, wieso diese CD stilistisch quasi auf dem Mittelstreifen klebt. Noch dazu hat Anita Baker bei den meisten Liedern als Ko-Autorin mitgewirkt. Auf diese Weise wirkt „My Everything“ so statisch wie das Lächeln der Künstlerin auf dem Cover. Nicht einmal beim jazzig aufgebauten „I Can’t Sleep“ wagt sich Anita Baker ein größeres Stück hervor, dabei bietet sich das dabei doch besonders an. Wo sind die großen Gefühle?

Beim Duett mit Babyface (auch von ihm produziert), „Like You Used To Do“, ist er es, der dem Song Leben einhaucht – dabei ist gerade sein Problem sonst oft eine gewisse Gleichförmigkeit des Sounds. Dennoch: Was Anita Baker nicht schafft, rettet Babyface bei diesem Lied. Dass ich das mal sagen würde…

Als Fazit festhalten möchte ich, dass sich Anita Baker mit ihrem nächsten Album hoffentlich nicht wieder eine Dekade Zeit lässt und dann auch wieder zu ihrer alten Form zurückkehrt. Der Bonus als lebende Legende währt schließlich nicht ewig.

Künstler: Anita Baker | Album: My Everything | Label: Blue Note Records | VÖ: 27. September 2004

Über Oliver Springer 340 Artikel
Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

1 Trackback / Pingback

  1. Jazz Not Jazz – Lizz Wright und Gregory Porter in Frankfurt | rap2soul

Kommentare sind deaktiviert.