Joss Stone – The Soul Sessions

Das sollte der Musikindustrie eine Lehre sein! Erfolg mit Qualität, noch dazu mit 70er Retro-Soul von einem blonden Teenager aus Devon, Großbritannien! Ganz so dumm, wie oft angenommen wird, sind die Musikkäufer dann nun doch nicht.

So mutig, wie das auf den ersten Eindruck klingt, ist die Musikindustrie dann aber doch nicht, denn erstens war „The Soul Sessions“ bereits 2003 in den USA veröffentlicht worden und nicht zuerst in ihrer Heimat, zweitens hatte sich Joss Stone bereits vorher in der TV-Talentshow „Junior Star For A Night“ gewonnen, also bewiesen, wie dass sie viele Menschen zu begeistern vermag.

Die meisten Tracks auf „The Soul Sessions“ sind alte Soul-Nummern, denn obwohl sie selbst gerne schreibt, hat sie ein Album mit eigenen Songs zugunsten dieses ersten Longplayers zurückgestellt, was sicher ein kluger Schachzug war, kann sie so auf jeden Fall vom hervorragenden Material profitieren, das schon einige Fans hatte, lange bevor sie geboren wurde.

Doch auch Black Music-Veteranen selbst sind persönlich an dieser CD beteiligt gewesen, im Background wie Betty Wright und Angie Stone zum Beispiel. Die vermeintliche Namensgleichheit sollte nicht in die Irre führen, verwandt sind die beiden nicht, Joss Stone heißt mit bürgerlichem Namen Joscelyn Eve Stoker.

„The Soul Sessions“ bietet bei seinen leider kaum mehr als 42 Minuten Dauer wenige kräftige Tracks, die weit überwiegende Zahl der Lieder ist recht langsam bis sehr langsam.

Wenn bei einem rund 42 Minuten kurzen Album die Nummer 10 schon 7:33 Minuten dauert, ist mein erster Gedanke an sich, dass man mit Gewalt über die 40 Minuten-Marken kommen wollte, obwohl ich lange Stücke zu schätzen weiß. Diesmal könnte ein solches Motiv höchstens hinter der Auswahl dieses Tracks stehen, denn es handelt sich um den Isleys-Klassiker „For The Love Of You“.

Die Kritik, dass die Stimme von Joss Stone zu sehr im Vordergrund stünde, von der restlichen Musik zu wenig zu hören wäre, mag ich nicht teilen. Es stimmt schon, dass „The Soul Sessions“ mit seinem sparsamen, von akustischen Instrumenten geprägten Sound ein wenig wie ein Demo-Tape oder eine noch nicht besonders weit bearbeitete Studioarbeit klingt, doch liegt zumindest für mich darin auch ein besonderer Reiz. Etwas übertrieben wurden mit dieser klanglichen Ausrichtung allerdings doch!

Wie immer gibt’s bei mir bei einer so kurzen CD schon grundsätzlich eine Abwertung, weil ich nicht begreifen möchte, wieso die CD nicht halbwegs bis zum Rand gefüllt wurde. Gerade bei einem Longplayer, auf dem es nicht um neue, sondern um neu eingesungene Stücke geht, wüsste ich nicht, wie diese Knappheit plausibel zu erklären wäre.

Großer Pluspunkt wiederum ist, dass „The Soul Sessions“ nicht einfach in der mittlerweile recht sicheren Retro- oder Neo-Soul-Schiene stecken bleibt, sondern mit anderer Ausrichtung aufs Gleis gesetzt worden ist: Neben dem alten (Southern) Soul sind auch ein wenig Jazz, Gospel und vor allem Blues-Elemente enthalten.

Künstler: Joss Stone | Album: The Soul Sessions | Label: S-Curve / EMI | VÖ: 20. Februar 2004

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.