Kelis – Tasty

Moderner R&B besticht meistens nicht durch Innovation, eine Revolution im Sound sucht man meist vergebens. Kelis bietet mit ihrem „Tasty“-Album da wieder mal eine Ausnahme der kreativen Art. Die besten Produzenten scheinen ihr Album als Spielwiese benutzt zu haben. Unter dem Aspekt, nicht nur gute Kritiken zu bekommen, von Menschen, die was von guter Musik verstehen, sondern Platten auch tatsächlich in großer Zahl verkaufen zu wollen, ist es wohl zuviel des Guten.

Kaum zu glauben, dass Kelis Rogers Geigenunterricht hatte und mit dem Harlem Boys Choir gesungen hat. Doch andererseits passt es wieder perfekt, ist sie doch eine Frau, die sich nicht ins übliche Raster einer R&B-Sängerin einpassen lässt.

Als Executive Producer steht zwar „Kelis“ auf der CD-Hülle, und in der Tat hat sie nun, da sie bei Star Trak Rec., dem Label von Chad Hugo und Pharrell Williams (besser als Neptunes bekannt) unter Vertrag ist, mehr Kontrolle. Das Aufgebot an Produzenten ist dennoch in zweierlei Hinsicht beeindruckend: Rockwilder, Dallas Austin, Raphael Saadiq, Andre Benjamin von OutKast, Damon „Grease“ Blackmon und natürlich The Neptunes. Das ist dann auch die zweite Überraschung: Dass die Neptunes nur eine überschaubare Zahl der Tracks produziert haben. Dem Album kommt das zugute, denn das sorgt einfach für mehr Abwechslung. Dennoch wirkt „Tasty“ mehr oder weniger wie aus einem Guss, weil sich die anderen Produzenten dem Neptunes-Stil (so mein Eindruck) angeglichen haben.

Harte Beats, kantiger Sound, nicht immer harmonisch, steril und trotzdem frisch irgendwie auf eine moderne Art. Also weniger frisch wie eine Wiese nach einem Regenschauer an einem sonnigen Frühlingsmorgen, sondern frisch eher wie gerade mit Glasreiniger abgewischt. Um noch eine Metapher zu bringen: Ihr Sound gleicht weniger einer Rose denn einer Blume aus Eis.

Mit „Tasty“ hat Kelis bei ihrem inzwischen dritten Studioalbum bewiesen, dass man auch mit einer gehörigen Portion Eigenwilligkeit im Geschäft bestehen kann. Mit etwas mehr Mut seitens der Plattenfirmen und Medien könnten Künstler wie Kelis weit mehr (kommerziellen) Erfolg haben. Kelis ist nicht stromlinienförmig, ihre Alben liegen nicht auf der sicheren Schiene, aber Kelis ist unverwechselbar und damit auch nicht so austauschbar wie leider zu viele Künstler im Bereich R&B. Atemberaubend gut sieht sie auch noch aus, habt Ihr das große Bild im Booklet gesehen?! Wow! Damit hat Kelis alles, um noch groß rauszukommen. Für dieses Mal bin ich dankbar, dass es ihr Album gibt, denn es bringt Black Music ein kleines Stück voran.


Künstler: Kelis | Album: Tasty | Label: Star Trak / Virgin | VÖ: 5. Dezember 2003

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.