Marlon Saunders – Enter My Mind

„Enter My Mind“ ist ein genialer Name für eine CD wie diese. Er zeigt auch gleich, dass es sich beim Solo-Debüt von Marlon Saunders um Musik für anspruchsvolle Hörer handeln soll. In der Tat: Dieses Album bringt für Soul- und R&B-Fans, denen wichtig ist, was sie im Ohr haben, echte Seelennahrung.

Eine Einschränkung möchte ich hier einschieben: Seine klare Stimme setzt Marlon Saunders manchmal sehr intensiv bei den hohen Tönen ein; das ist nicht jedermanns Sache. Allerdings übertreibt er es nicht so wie beispielsweise Prince.

Anstatt auf elektronische Sounds wie etwa Gary Taylor zu setzen, geht Saunders den Weg zurück zur „Natur“. Seine Anleihen bei den 70er (und weniger den 80er) Jahren bringen den Soul auf eine sehr lebendige Ebene. (Wobei das Album sich zwischen Midtempo Grooves und Slow Jams bewegt.) Dennoch wäre er in der Neo Soul-Ecke falsch eingeordnet. Sicher ist Marlon Saunders für alle Neo Soul-Begeisterten einen Test wert, doch allein schon seine jazzigen Elemente passen nicht zu solch einer Klassifizierung.

Überhaupt Jazz! Oder Acid Jazz… Nicht unerwähnt bleiben sollte seine Rolle als Gründungsmitglied und Leadsänger bei der Formation Jazzhole, wobei er sich auch als Songschreiber und Produzent in dieses Projekt eingebracht hat. „Enter My Mind“ ist also ein Debüt als Solokünstler mit jahrelanger Erfahrung und schon erfolgreicher Musikerlaufbahn und kein vorsichtiges Hineintasten in unbekanntes Terrain. Weitere Erfahrung resultiert bei ihm aus seiner Arbeit als Backgroundsänger für Barry White, Michael Jackson, Sting, Billy Joel und allen voran Bobby McFerrin. Letzterer bzw. dessen Voicestra-Projekt gab den Ausschlag für Marlon Saunders, sich mit voller Überzeugung der Musik zu verschreiben. Bei Bobby McFerrin war Saunders allerdings der Mann für Spoken Word-Improvisation auf Hip-Hop-Rhythmen.

Neben dieser unmittelbaren Beeinflussung durch die vielen Musiker, mit denen er gemeinsam gearbeitet hat, spiegelt sich in „Enter My Mind“ auch der Einfluss durch Künstler, die Marlon Saunders bewundert wie Curtis Mayfield und Stevie Wonder. Die Neo Soul-Etikettierung würde also wirklich zu kurz greifen angesichts der Fülle an Einflüssen auf diesem anspruchsvollen Album, das sich auch erst nach mehrmaligem Hören in seiner Vielfalt erschließt.

Künstler: Marlon Saunders | Album: Enter My Mind | Label: Black Honey | VÖ: 20. Oktober 2004

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.