Bobby Valentino – Disturbing Tha Peace Presents: Bobby Valentino

Gleich mit der ersten Single aus seinem ersten Solo-Album hat es Bobby Valentino geschafft, von 0 auf Platz 1 der amerikanischen Black Music Single Charts zu kommen. Je öfter ich „Slow Down“ höre, desto mehr verstehe ich auch, warum er damit diesen großen Erfolg haben konnte. Dank der Single ist auch das „Bobby Valentino“-Album ein Erfolg, und den gönne ich ihm nach all den wenig erfolgreichen Jahren im Geschäft von Herzen.

Der Mittzwanziger ist schließlich kein Newcomer, sondern seit den 90er Jahren im Geschäft – wenn auch nicht so gut, wie es hätte sein können. Als Teenager gründete er mit ein paar Freunden die Gruppe Mista und hatte mit dem Organized Noize Produktionsteam im Rücken an sich gute Chancen.

Nur die Single „Blackberry Molasses“ wurde ein Hit, das im Sommer ’96 veröffentlichte Album floppte – zu Recht! Ich frage mich bis heute, wie das Debüt-Album der Band in der Form veröffentlicht werden konnte. Zu viele Songs darauf zeigen, dass die Jungs dem Songmaterial entweder stimmlich nicht gewachsen waren oder sie zumindest mehr hätten üben sollen, bevor sie ins Aufnahmestudio gingen. Ein paar gelungene Tracks sind nämlich schon dabei, insofern waren die Produzenten wohl nur zu früh zufrieden.

Schade trotzdem, dass sie ihr zweites Album wegen Problemen mit dem Management nie veröffentlicht haben, immerhin hatten sie dafür den von mir verehrten Timbaland als Produzenten. Andererseits konnte Bobby sich so auf seinen College-Abschluss konzentrieren. Als er den 2003 in der Tasche hatte, machte er sich auch gleich wieder an die Arbeit: Demotapes aufnehmen.

Mit seinem ersten Soloalbum zeigt Bobby Wilson nun als Bobby Valentino, dass es im Music Biz durchaus eine zweite Chance geben kann und sich manchmal auch das Warten lohnt. Ludacris hat Bobby’s Talent auf so einem Demo-Tape zum Glück erkannt, was dann letztlich zu dem sperrigen Namen „Disturbing Tha Piece Presents Bobby Valentino“ führte. Klingt auch peinlich dick aufgetragen. Andererseits: Auf einem Spitzenplatz in den Charts wirkt es nur halb so aufgeblasen.

Bobby Wilson ist der erste Künstler, den Ludacris für sein eigenes Label Disturbing Tha Peace unter Vertrag nahm, das zeigt zweierlei: wie viel Vertrauen Ludacris in den R&B-Sänger hatte. Gerade das erste Projekt will ja nun wirklich niemand in den Sand setzen, das wäre ein schlechter Start, am Anfang hält man das Risiko klein.

Das Zweite ist: Ludacris kennt sich aus! Und das nicht nur im Rap Biz. Auf dem Song „Give Me A Chance“ ist Ludacris dann auch persönlich zu Gast – und das war’s auch schon mit der Gästeliste!

Bestimmt hat Ludacris hier nicht nur Geld sparen wollen, sondern Bobby ganz bewusst den vielen Raum gegeben, der auf einem (Solo-) Debüt auch sinnvoll ist, damit der Künstler auch zeigen kann, über welche Fähigkeiten er verfügt. Leider werden neue Künstler zu oft von einem eindrucksvollen Aufgebot etablierter Leute verdeckt, diese CD stellt sich damit positiv gegen den Trend!

Auch vom Sound ist „Bobby Valentino“ nicht trendgerecht produziert worden, sondern zeigt sich zu meiner großen Überraschung weitgehend unabhängig davon. Eher schon erinnert mich diese CD vom Klang bei einigen Liedern an die 90er Jahre. Das bezieht sich aber auf den Stil und soll keineswegs heißen, Bobby Valentino hätte nichts Neues zu bieten, das Gegenteil ist richtig!

Der Künstler bewegt sich zwar mehr als die meisten gerade angesagten Leute des Genres in den Grenzen des R&B und flirtet nicht so heftig mit Rap-Sounds, bringt in diesen Grenzen allerdings zumindest auf den zweiten Blick einige frische Ideen.

Indes: Schon beim ersten Hören hatten die meisten Lieder auf „Bobby Valentino“ eine fast schon hypnotische Wirkung auf mich, war ich gleich sehr beeindruckt. Das funktionierte so nicht nur bei so aufregenden Tracks wie „Tell Me“, sondern auch mit vergleichsweise simpel aufgebauten Songs wie „I’ll Forgive You“ und „Never Lonely“.

Die Titel deuten es überdeutlich an, um welches Thema sich bei Bobby Valentino alles dreht. Deshalb sind die meisten Stücke passenderweise ziemlich ruhig bis sehr ruhig, aber nicht minder intensiv. Bobby Valentino schickt seine Worte dermaßen eindrücklich seinem Publikum entgegen, wie es leider nur wenige schaffen, obwohl doch gerade dies zu den Kernkompetenzen eines R&B-Sängers zählt.

Ja, Bobby Valentino bewegt sich im Standard-R&B-Territorium, doch fügt er sich dort nicht nahtlos, profillos ein, sondern kann anderen als Beispiel dafür dienen, was qualitativ machbar ist. Um es mal mit einem Begriff aus dem Marketing zu sagen: Mit seinem Album „Bobby Valentino“ hat der Künstler einen Benchmark gesetzt, den die Konkurrenz nicht ignorieren sollte.

Künstler: Bobby Valentino | Album: Disturbing Tha Peace Presents: Bobby Valentino | Label: Disturbing Tha Peace / Def Jam | VÖ: 26. April 2005

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

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