Faith Evans – The First Lady

Bei einer Laufzeit von weniger als einer Stunde holt sich “The First Lady” gleich damit einen dicken Minuspunkt. Wer im Jahrestakt veröffentlicht kann dafür vielleicht noch eine gute Begründung liefern, doch von 2001 bis 2005 ist zu viel Zeit vergangen, als dass die Lieferung so klein ausfallen müsste.

Der erste Track „Goin’ Out“ mit den Features von Pharrell und Pusha T ist eine sehr gelungene Kombination aus aktuellen Sounds mit einem Einschlag von altem Soul. Als Starter ist der Song allerdings eine schlechte Wahl, weil Faith Evans hier weder stimmlich brilliert noch den Song voranbringt, das bleibt ihren Gästen vorbehalten, die diesen Job souverän meistern.

Nummer 2 auf diesem Album ist das als erste Single ausgekoppelte „Again“; auch hier wird klar mit Sounds von früher gespielt, die Verbindung ist weniger überraschend, dafür stimmiger. Nicht, dass die Künstlerin ihr Genre hier weiter entwickeln würde, doch mit diesem Lied gelingt es Faith Evans, auf emotionaler Ebene zu treffen, eine Kunst, die sie im modernen R&B wie nur wenige beherrscht. Kommerziell, aber erste Klasse!

Mit dem dritten Song „I Don’t Need It“ trifft sie voll ins Schwarze, damit hätte sie das Album beginnen sollen, denn dieser Kracher aus dem unteren Uptempo-Bereich strahlt nicht nur eine überzeugende Innovationsfreude aus, sondern zeigt, dass man auch auf Nummer sicher gehen kann, wenn man ein paar halbwegs neue Ideen oder Kombinationen wagt. Die Anleihen an orientalischer Musik am Anfang hätte es dafür gar nicht gebraucht, doch ist der Anfang des Songs sehr schön und vor allem der Übergang in den rhythmischen Teil hervorragend gelöst worden.

Noch einmal zurück zum Anfang: Gerade mit dem Track zu beginnen, bei dem Faith Evans am wenigsten den Ton angibt ist um so unverständlicher, wenn man sich anguckt, wie wenige Gäste es überhaupt auf „The First Lady“ gibt: Neben „Goin’ Out“ sind nur noch bei „Ever Wonder“ und „Hope“ andere Künstler als Features aufgeführt.

Wobei „Hope“ eigentlich Twista zuzurechnen ist und Faith Evans als Support auf dem Track ist – allerdings übernimmt sie diesen Part vorbildlich. Der Song ist sowohl als Single als auch auf dem „Coach Carter“-Soundtrack erhältlich, doch es war eine gute Entscheidung, ihn mit auf „The First Lady“ zu nehmen. Im Grunde wirkt es eher wie ein Duett, doch ich denke, dass es ohne „Hope“ auch der Plattenfirma peinlich gewesen wäre, da dass Album sonst geradezu auffällig kurz ausgefallen wäre.

Der dritte Song mit Gast-Unterstützung, „Ever Wonder“, bringt uns Mario Winans zu Gehör, und er klingt irgendwie auch wie ein typischer Mario Winans-Track. Das ist okay.

„Do My Thang“ schließt den Vorhang auf diesem Album nicht leise und nachdenklich, sondern ausgelassen, mutig und lebensfroh. Wow! Das ist genau die richtige Medizin, wenn ihr Euch vor einer wichtigen Aufgabe unsicher und schwach fühlt, dieser Track pumpt Euch wieder auf.

Zu den leisen Tönen hatte ich bislang noch nichts geschrieben, und sie fallen zuerst auch nicht besonders auf, allein schon, weil es weniger als sonst sind. Das ist an sich schade, beherrscht Faith Evans die Klaviatur der tragischen Klänge doch bravourös. Zugute zu halten ist den Machern hier jedoch, wie ausgewogen langsame, mittelschnelle und schnelle Songs auf dem Capitol-Debüt von Faith Evans vertreten sind. Ja, nicht das Bad Boy-Logo ziert „The First Lady“, sondern das hübsche Bild von Capitol Music.

Mit den Produzenten Jermaine Dupri, Brian Cox, Chucky Thompson, Carvin and Ivan, Mario Winans und The Neptunes hat Faith Evans für „The First Lady“ ein starkes Team gehabt, um die größtenteils selbst geschriebenen Songs solide umzusetzen. Herausgekommen ist ein Album, das nicht so schnell aus der Mode kommen wird, weil bei ihm eh nicht die aktuellen Trends den Sound bestimmen.

Eine neue Qualitätsstufe hat die Künstlerin mit „The First Lady“ leider nicht erklimmen können, auch bringt sie nur wenig richtig Frisches auf dieser CD, da wäre mehr drin gewesen – mit mehr Mut halt, ob der nun ihr, ihren Produzenten oder der Plattenfirma fehlte, ist für das Ergebnis ohne Belang. Dennoch: „The First Lady“ ist ein gutes Album, und bei der Kürze dieser Aussage, will ich gar kein „aber“ dazu setzen.

Künstler: Faith Evans | Album: The First Lady | Label: Capitol | VÖ: 13. Mai 2005

Über Oliver Springer 340 Artikel
Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

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