Opossum – We Got Soul – Das Interview

Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Zum Beispiel We Got Soul. Oder die We Got Soul-CD. Die kommt von Opossum, denn – He got soul.

In zwei Jahren ist es soweit – dann macht der Leipziger DJ Opossum sage und schreibe 20 Karrierejahre voll. Viel ist passiert: er war auf Tour mit Herbie Hancock, Saul Williams und Xavier Naidoo. Angefangen hat er – wie so viele – zu DDR-Zeiten als Breakdancer bei den „Big City Breakers“ aus Leipzig; einer Crew, die im 80er Kult-Poppperschuppen „Eden“ frenetisch gefeiert wurde. Damals, als noch weiße Handschuhe zum Breaken dazu gehörten wie die 808 zum Electro Funk.

Vom ersten Westgeld kaufte sich Mike Dietrich, wie Opossum mit bürgerlichem Namen heißt, seine ersten beiden 1210er. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Opossum reichte es nicht mehr nur aufzulegen, er machte ab 1993 seine eigene Musik. Für den Sampler „Pionier-Manöver“ steuerte er den Kultsong „Hip-Hop in der DDR“ bei, welcher 2000 wiederveröffentlicht wurde. Ein wichtiger Meilenstein wurde 1997 gelegt: für das Dessauer Label Dominance Records nahm er das Album „X-sample“ auf; eine Platte, die dem Vergleich mit Arbeiten von Primo durchaus stand hielt und von der Kritik hoch gelobt wurde. Mittlerweile hat Opossum etwa 200 eigene Songs geschrieben und produziert. Allein im letzten Dreivierteljahr entstanden 18 Tracks. Für „We Got Soul“:

rap2soul: Opossum, was verbirgt sich hinter We Got Soul?

Opossum: Dahinter stecken drei Leute: die DJs, Musiker und Brüder Dennis Ryan Smith und Christopher Julian Smith und ich. Wir haben uns vor sechs Jahren in Frankfurt/M. kennen gelernt, während ich mit Chima auf Tour war. Frankfurt ist ja eine ähnliche Kleinstadt wie Leipzig, ich bin als „Ostpaket“ sozusagen rumgereicht worden. Und zu Dennis und Chris habe ich sofort einen guten Draht gehabt – so ähnlich muss es sein, falls es unter Männern so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt … We Got Soul ist zwar ein Albumtitel, aber kein Label im eigentlichen Sinn. Sondern wir verstehen darunter einen Zusammenschluss von Künstlern, die weltweit agieren. Unser Slogan meint ja auch We Got Soul – that’s something you can’t buy!

rap2soul: Und das im wahrsten Wortsinn. Eure Platte gibt es nicht zu kaufen, zumindest vorerst. Wie funktioniert das?

Opossum: Wir haben Leute gefunden, die an unsere Musik geglaubt haben. Die haben das Unmögliche möglich gemacht. Eine halbe Tonne CDs herzustellen – also 5.000 Stück zu produzieren. Finanziert einzig und allein über drei Klamottenläden: Gesponsort haben uns Studio DeLuxe in Leipzig, der Berliner Schuhladen Walking Large und Street Jungle. Auch andere Sponsoren waren mit im Boot – immerhin kostet eine CD rund 3 Euro in der Herstellung. Alle beteiligten Künstler haben auf ihre Gage verzichtet. Das Layout hat mein Freund Joy erstellt – ebenfalls ohne Honorar. In der Industrie jammern ja alle; wir wollten zeigen, dass es tatsächlich auch ohne Geld geht.

rap2soul: Sieht so die Zukunft der Musikindustrie aus? Alle arbeiten für lau und die Musik gibt’s nicht zu kaufen?

Opossum: Das ist ja das Besondere an unserem Projekt! Geh mal in den Plattenladen – da steht die Neuerscheinung ab 15 Euro aufwärts. Früher habe ich selbst viel mehr Platten gekauft, heute überlege ich mir schon, ob ich bei diesen Preisen neue Künstler durch den Kauf ihrer Platte unterstützen kann. Ich habe übrigens kein Mitleid mit der Musikindustrie, die uns erst den CD-Brenner in die Hand gegeben hat, um ihn anschließend zu verteufeln. Wir zeigen, dass es auch anders geht. Unsere Platte gibt es nicht in den großen Märkten. Aber wenn Du bei unseren Sponsoren coole Sneakers oder Shirts kaufst, bekommst Du eine Zugabe für Null Euro. Das ist doch ein guter Deal für alle, oder?

rap2soul: Was passiert, wenn die CDs vergriffen sind?

Opossum: Die ersten 5.000 Stück sind so was wie ein Appetitshäppchen. Wir planen, Ende Februar unsere Homepage (www.wegotsoul.de) soweit am Laufen zu haben, dass Exemplare nachbestellt werden können. Für weit unter 10 Euro inklusive Versand. Ich denke, das ist immer noch ein guter Deal. Wer nicht bis Ende Februar warten will, der kann sich einen We Got Soul-Track auch von www.3.mercedes-benz.com kostenlos downloaden. Die Autobauer haben dort eine Plattform für Musiker eingerichtet, die ihre Songs kostenlos anbieten möchten. Auch das Weimarer Label Tokyo Dawn Records hat einige meiner Songs im Download-Angebot – für Null Euro!

rap2soul: Du bist vor allem als Hip-Hop DJ bekannt, schlägst auf We got soul aber sehr soulige Töne an. Ein Richtungswechsel oder logische Folge Deiner langjährigen Arbeit?

Opossum: Es ist schon eine logische Folge. Weißt Du, Willie, der Vater von Chris und Dennis, der hat eine riesige Plattensammlung, die in Frankfurt als legendär gilt. Da habe ich drin gestöbert, habe mich von diesen Schätzen inspirieren lassen. Und ich wollte sowieso wegkommen vom puren Samplen und quasi zu den Ursprüngen zurückfinden: richtige Gitarren, gespielte Rhodes und gespielte Bässe – natürlich habe ich auf Samples und Loops dennoch nicht ganz verzichtet. Ich wollte aber vor allem ins Mutterland meiner Musik zurück.

rap2soul: Verzichtest Du deshalb auf deutschen Gesang?

Opossum: Ich hatte zuvor mit vielen deutschen Künstlern gearbeitet; unter ihnen ZM-Jay, Spax und Chima. Ich glaube aber nach all den Jahren zu erkennen, dass Gesang mindestens genauso schwer ist wie Rapsongs zu machen. Wenn Du immer Rap produzierst hast, ist es einfach eine größere Herausforderung, sich mit Gesang zu beschäftigen. Deutsche Rapper findest Du wie Sand am Meer, deutsche Sänger sind schon schwerer zu entdecken und ich habe es mir ganz schwer gemacht und mir Amerikaner an Bord geholt, die ich tatsächlich erst mal über den großen Teich hierher nach Leipzig holen musste.

rap2soul: Deine Sänger bringen ja eine gehörige Portion Lebenserfahrung mit. Smiley hört sich nicht nur an wie Barry White, er gehört auch zur ‚reiferen Jugend‘. Popkarrieren starten meist früher – siehe Usher oder B2K…

Opossum: Ich habe auch jüngere Leute im Boot, der kalifornische Rapper Capital A beispielsweise ist 34 – also genauso alt wie ich. Die Leipziger Sängerin Sophiane ist übrigens unser Küken – sie ist 24 Jahre alt und hatte auf den meisten Stücken im Background gesungen. Das Vernon „Smiley“ Garfield und Willie Smith um die 60 sind (obwohl sie das nicht zugeben würden) ist purer Zufall: Beide haben meine Instrumentals gehört und hatten dann eine Gesangsidee dazu. Ich bin ja glücklicherweise in der Lage, jederzeit die Aufnahmetaste zu drücken und mitzuschneiden. So entstand Song für Song in unzähligen Nachtsessions im Leipziger „Licht- und Ton-Studio“. Übrigens, die beiden sind echte Schwergewichte: Da ich im 4. Stock wohne, musste eine Pension herhalten, um meinen Künstlern das Treppensteigen zu ersparen.

rap2soul: Geht Ihr mit We Got Soul auf Tour?

Opossum: Keine Chance. Es wäre unmöglich, dies zu koordinieren. Die Künstler haben alle noch andere Projekte am Laufen. Schon terminlich ist da nix drin; erst recht nicht, dass alle zusammen auf der Bühne stehen. Ich habe aber im Hinterkopf, mit Smiley und Willie vielleicht eine Club-Tour zu dritt machen.

rap2soul: Du selbst machst Dich in letzter Zeit ziemlich rar. Klar, Du bist oft im Studio, aber gibt es den „DJ“ Opossum noch?

Opossum:  Ich arbeite hin und wieder als Live-DJ, z. B. für ZM-Jay. Aber ich bin mir einfach zu schade, nur für Teenies und deren Hip-Hop-Verständnis zu posieren. Ich mache keine Musik für 15-Jährige. Die sind natürlich eingeladen, meine Songs zu entdecken. Aber mein Wunschpublikum ist älter und verfügt über einen entwickelten Geschmack; auf meiner Platte sind ja auch Künstler mehrerer Generationen vertreten.

rap2soul: We Got Soul ist Dein Album, Du machst Dich aber ziemlich rar, denn alle werden namentlich genannt, nur der Name Opossum fällt nicht. Warum?

Opossum:  Die Leute, die wichtig sind, werden alle genannt. Dennis, der beispielsweise die Flüge für unsere aus Übersee kommenden Künstler bezahlt hat. Die Musiker; alle, die in irgendeiner Form mit dabei waren. Ich selbst bin da nicht so wichtig. Ich hätte das alles alleine gar nicht stemmen können. Und habe deshalb diese Art gewählt, um „Danke“ zu sagen.

Mit Opossum sprach Torsten Williamson-Fuchs. (Lest auch Torsten’s Rezension des Albums!) die journalistische Arbeit von Torsten wird unterstützt vom „Bounce 87“ in Leipzig, der führenden Black Music Diskothek in Mitteldeutschland sowie von „Fabolous“, den angesagten Fachgeschäften für Hip-Hop & Streetwear in Leipzig und Halle/S.

Über Torsten Fuchs 514 Artikel
Torsten Fuchs ist ein Experte der Black Music und bereits früh als Redakteur zu rap2soul gekommen. Torsten schreibt CD-Kritiken für mehrere Magazine. Als Moderator war er für JAM FM tätig, zuvor war er auch bereits bei Radio PSR und als Showhost bei MDR Sputnik. Torsten Fuchs ist Mitglied beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik e.V. in der Jury für "Hip Hop, Soul, R&B".