Anthony David – The Red Clay Chronicles

Was ist bloß mit dem R&B passiert, der noch eine Seele hatte? Das fragen sich manche Black Music Fans. Die Antwort könnte lauten: Den gibt’s noch, der war nie weg und wird nach wie vor produziert, einen Mangel an talentierten neuen Künstlern gibt es auch nicht. Nur in den großen Medien kommt er kaum vor.

Beklagen wir uns nicht, sondern freuen uns über die Fülle, zu der Anthony David mit seinem zweiten Album „The Red Clay Chronicles“ einen sehr gehaltvollen Beitrag leistet! Der Mann aus Savannah, Georgia zog nach Atlanta, um seine Musikerkarriere voranzubringen und lernte dort bald India.Arie kennen. für die er übrigens „Part Of My Life“ für ihr Debütalbum schrieb und die beim Song „Words“ diesmal bei ihm zu Gast ist.

India.Arie war der erste Mensch, den er nach seinem Umzug nach Atlanta kennen gelernt hat. Anthony sah sie in der U-Bahn, kam mit ihr ins Gespräch und fand heraus, dass sie beide dieselben Künstler mochten. Eine gute Grundlage für eine Freundschaft! Sie waren rund drei Jahre befreundet, bevor er erfuhr, dass sie singen konnte.

Das ordnet seinen Sound schon ein gutes Stück ein, doch festlegen lassen will sich Anthony David nicht. Auch viele von seinen Zuhörern würden ihn eigentlich gar nicht kennen, meint er selbst. Überrascht hat er auf jeden Fall diejenigen, die sein Debütalbum „Three Chords & the

Truth“ mochten und nun auf eine nahtlose Fortsetzung spekuliert hatten. Etwas rauer und „produzierter“, mehr Rhythmus-orientiert klingt sein zweiter Longplayer.

Zu seinen Vorbildern zählen Anthony David Bill Withers und Anita Baker. Vom Qualitätsgrad und Anspruch wirkt es nicht übertrieben, doch um seinen Sound anhand anderer Künstler zu beschreiben, nennen wir lieber Lyfe Jennings, Anthony Hamilton und Lemar.

Spannend an „The Red Clay Chronicles“ finde ich, dass sich der Künstler nicht zu sehr auf einen Sound festlegt, sondern innerhalb seines Spektrums in viele Richtungen geht. So haben manche Songs einen leicht experimentellen Charakter während andere voll Club- und Chart-tauglich sind – ich bin gespannt, ob sich diejenigen, die Mainstream-Sound aus ideologischen Gründen ablehnen, hierauf einlassen werden. Eine solche Kombination aus kommerziell voll verwertbaren und Tracks zum Ausleben des künstlerischen Anspruchs ist heute selten.

Meine Unterstützung hat Anthony David, denn in ihm hat die R&B-Szene jemanden, der das Genre weiterentwickelt. Nicht nur im kleinen Kreis, das bringt wenig; um die Entwicklung zu beeinflussen, ist eine kritische Masse an Zuhörern für die Musik eines Künstlers nötig, ein kleiner Kreis besonders kritischer Hörer schafft das nicht. Ich hoffe sehr, dass sich andere Künstler und Songwriter (Anthony David zählte sich lange mehr zu den Songwritern als den Sängern.) durch „The Red Clay Chronicles“ dazu ermutigt fühlen, auch mal an die Charts zu denken – gerade wenn sie aus der anspruchsvollen Ecke kommen.

Künstler: Anthony David | Album: The Red Clay Chronicles | Label: Dôme / Brash Music | VÖ: 7. November 2006

Über Oliver Springer 340 Artikel
Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.