Cherish – Unappreciated (weitere Kritik)

Merkwürdig, dass diese Gruppe Cherish heißt und die Wahl für den Bandnamen nicht etwas mit „King“ im Namen ergeben hat. Das hätte den vier Schwestern Neosha, Farrah, Felisha und Fallon King einige Wortspiele ermöglicht. Doch auch ohne großspurige Wortakrobatik landen die vier Ladies mit ihrem mainstreamigen Hip-Hop Soul ihre Treffer.

Dafür sorgt Executive Producer Jazze Pha, der als erfahrener Profi genau weiß, was sich verkaufen lässt. Das ist dann vielleicht auch das größte Manko von „Unappreciated“: konsequent auf Charterfolg getrimmt lässt das Debütalbum für die Persönlichkeiten der Gruppenmitglieder kaum Raum.

Noch dazu klingen ihre Stimmen auch noch ähnlich, was bei einer Familienband nicht verwundert – Felisha und Fallon sind sogar Zwillingsschwestern – und der Harmonie nicht abträglich ist. Bei gecasteten Bands wird meistens sehr darauf geachtet, dass sich die Mitglieder ergänzen und unterscheiden.

Über ihre Texte werden sich Cherish zwar auch nicht profilieren, doch haben sie diese in der Mehrzahl selbst geschrieben und für ein Album wie dieses sind sie mehr als ordentlich. Tiefschürfende Reflexionen und philosophische Fragen sind in diesem Marktsegment nicht gefragt und ehrlich gesagt: Ich brauch das auch nicht immer, einfach nur Spaß zu haben ist auch wichtig. Wenn sich die Songs hauptsächlich um Männer drehen, ist das für eine Girlband wie diese völlig okay.

Nicht selten werden Cherish als Nachfolgerinnen von Destiny’s Child gesehen. Die Lücke, die mit der Bandauflösung entstanden ist, ist bisher noch von keiner Band ausgefüllt worden. Ob Cherish sie füllen können, wird sich zeigen, noch ist es jedenfalls nicht soweit. Ausreichend Talent ist bei Cherish vorhanden, tanzen und hübsch aussehen können die King-Schwestern auch. Da stehen die Chancen zumindest gut, dass sie ein zweites Album veröffentlichen dürfen.

Die Gelegenheit, ein besonders breites musikalisches Spektrum zu präsentieren, haben Cherish auf dieser CD nicht. Dafür passen die Songs gut zueinander und ist die Mischung aus schnellen, kräftigen Liedern zu langsamen Nummern ausgewogen genug, um „Unappreciated“ in ganz unterschiedlichen Situationen aufzulegen.

Die beiden markantesten Tracks sind gleichzeitig die einzigen mit Gästen: Das als erste Single ausgewählte „Do It To It“ bringt Sean Paul von den YoungBloodz zu Gehör, „Chick Like Me“ wird durch Rasheeda aufgewertet und dadurch zum vielleicht besten Track des Albums.

Schade ist das insofern, als ein wenig mehr Unterscheidbarkeit für länger anhaltenden Spaß gesorgt hätte. Um hier Missverständnissen vorzubeugen: Das Album selbst klingt abwechslungsreich und spannend, wenn der Maßstab das Genre chartorientierter Hip-Hop Soul ist. Dennoch, ein wenig mehr wäre wohl drin gewesen.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigen sie bei „Fool 4 You“, welches zwar eine mehr als eingängige Melodie besitzt, aber dennoch ein paar originelle Elemente aufweist und vor allem das stimmliche Potenzial von Cherish zum Vorschein bringt. Was das angeht, ist auch der Titeltrack „Unappreciated“ erwähnenswert, der – so schön er klingt – leider ausgesprochen unoriginell aufgebaut ist. Das hat das R&B-Publikum bereits unzählige Male (viel zu) ähnlich gehört.

FAZIT: Durchhalten lohnt! Das gilt doppelt: Seit ihrer Grundschulzeit singen die Cherish-Schwestern gemeinsam, 2003 hätte es mit Unterstützung von Jermaine Dupri fast ein Album mit dem Titel „The Moment“ gegeben – doch der Moment der Veröffentlichung kam nie. Im Sommer 2006 haben sie ihr Albumdebüt inzwischen mit „Unappreciated“ nachgeholt. Durchhalten sollte sich für Cherish auch für die Zukunft lohnen, um nach einem ordentlichen Debüt dann für den nächsten Longplayer hoffentlich einen Level weiter gehen zu können.

Künstler: Cherish | Album: Unappreciated | Label: Sho´Nuff / Capitol | VÖ: 18. August 2006

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.