Eminem – Das Vibe Interview: Eminem & 50 Cent

Sogar wenn sie schweigen, sind sie noch verdammt laut – Eminem und 50 Cent erschaffen die mächtigsten Imperien der Hip-Hop-Welt. Jon Caramanica vom Vibe-Magazin sprach mit dem Dynamischen Duo über Bruderschaft, Dr. Dre, die Wirren der Musikindustrie und Bande, die weit über die Musik hinausgehen. Das Interview ist in voller Länge im Vibe-Magazin Dezember 2006 erschienen. rap2soul präsentiert Ausschnitte.

Vibe: Wirft man einen Blick auf euren Umgang mit der Öffentlichkeit, habt ihr beide euch in den vergangenen Jahren in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Eminem, du hast dich zurückgezogen, während du, 50 Cent, dich im Rampenlicht äußerst wohl zu fühlen scheinst.

Eminem: Ich habe das, was 50 Cent gerade macht, auch acht Jahre lang durchgezogen. Nichts als Züge, Flugzeuge, Autos, und dann den Druck, vor all diesen Menschen aufzutreten und keine Line zu versauen, keine Scheiße zu bauen. Die Leute zählen auf dich; sie haben diese Eintrittskarten gekauft, um dich zu sehen. Das war alles Druck, und dazu kam dann noch derjenige Druck, dem ich in meinem Privatleben ausgesetzt war. Also kam ich irgendwann an den Punkt, an dem ich mir sagte: „Alter, ich muss mal runterschalten.“ Aber wenn ich nun keinen Kollegen wie 50 Cent hätte, auf den man in so einer Situation zählen kann, der nach draußen geht – …

50 Cent: Wo er sich befindet, da gelten ganz andere Regeln. Man verliert leicht mal den Boden unter den Füßen. Ich bin sicherlich ein Star, ein Superstar. Ich gehe irgendwohin, und die Leute erkennen mich. Aber es gibt auch Orte, an die gehen wir, und die Menschen lassen alles stehen und liegen, um Eminem hinterher zu rennen.

Eminem: 50 Cent geht schon ganz anders mit der Aufmerksamkeit um. Er kann sie aufsaugen. Ich neige eher dazu, mich abzukapseln, wenn alles zuviel wird.

50 Cent: Dabei muss man allerdings bedenken, dass ein solcher Rückzug in diese „Kapsel“ noch mehr Energie in deinem Umfeld generiert. Umso ungewöhnlicher du den Leuten vorkommst, desto größer wird dein Status… Ich denke, dass die Leute vergessen, dass ich eigentlich für ihn arbeite. Ich bin bei Shady/Aftermath unter Vertrag. Ich arbeite für Eminem und Dr. Dre. Ich muss rausgehen und die Arbeit erledigen, sichtbar sein, präsent sein, und muss immer mit qualitativ hochwertigem Material aufwarten.

Vibe:  Ist dir die Entscheidung zum Rückzug schwergefallen? Schließlich trägst du nicht nur die Verantwortung für die ganze Eminem-Industrie – die Alben, die Tourneen –, sondern auch für das Label, die Kleidung…

Eminem: 50 Cent hat keine Angst vorm Reisen; er mag es sogar, all die unterschiedlichen Orte zu sehen. Ich entwickelte mich mehr und mehr zu einem Stubenhocker, der nur mit seinem direkten Umfeld Kontakt haben möchte – ich wollte in der Nähe meiner Kids sein. Und nah an dem Ort, an dem ich meine Musik produziere.

50 Cent: Die Kids sind seine größte Leidenschaft. Er liebt sie über alles.

Vibe:  Habt ihr das Gefühl, dass es schwieriger geworden ist, sich Songs wie früher anzuhören, seit ihr damit angefangen habt, Alben zu produzieren?

Eminem: Es ist wahnsinnig einfach, eine Platte zu beginnen – aber eine Platte abzuschließen, sie fertig zu stellen, das ist wirklich schwierig. Wenn’s ans Abmischen geht, da drehe ich jedes Mal durch. Ich werde regelrecht verrückt. Weißt du, ich muss dann immer rumlaufen, aus dem Raum rennen, wieder zurückkommen… Wenn mein „Produzenten-Ohr“ aktiv wird, dann sitze ich manchmal bis drei, vier, fünf Uhr morgens da und denke über den Sound einer Snare nach.

50 Cent: Darum halte ich mich auch vom Mixen fern. Ich komme erst dann wieder dazu, wenn das Mix fertig ist und ich mir den fertigen Song anhören kann. Das liegt daran, dass ich geradezu Angst davor habe, dieses „Produzenten-Ohr“ zu bekommen. Ich will die Sachen unbedingt auch aus einer Art Fan-Perspektive hören und genießen können. Dazu kommt, dass ich den Luxus habe, mit Eminem zu arbeiten.

Eminem: Ich habe bei Dre gelernt. Ich habe ihm ganz genau dabei zugeschaut, wie er seine Songs aufnimmt. Manchmal habe ich dann gesagt, „Yo, das ist perfekt so! Der Song ist fertig!“, und Dre sagte nur, „Nix, der ist noch lange nicht fertig.“ An dem Punkt ging es für mich los, da bekam ich so nach und nach das besagte „Produzenten-Ohr“. Inzwischen ist es zu einer echten Krankheit geworden, einer Krankheit, die man nicht wieder loswird.

Vibe: Wusstest du damals schon, dass du so viele Produktionen machen würdest? War das alles geplant?

Eminem: Nein, das war mir alles gar nicht bewusst. Dann aber wurde mir irgendwann klar, „OK, ich bin in meinem Zwanzigern. Was werde ich in meinen Dreißigern machen? Und was werde ich machen, wenn ich erst die 40 überschritten habe? Wie kann ich weiter aktiv bleiben und meinen Wirkungskreis vergrößern?“

Vibe: Was meinst du: Wie lange wirst du wohl noch als Performer aktiv bleiben? Wie lange wirst du noch Konzerte geben und Soloalben veröffentlichen?

Eminem: Das kann ich momentan nicht wirklich sagen. Da muss ich passen.


Quelle: Vibe Magazin: Eminem & 50 Cent Interview
Dezember-Ausgabe 2006

Über Jörg Wachsmuth 823 Artikel
Jörg Wachsmuth gehört zu den beiden Gründern von rap2soul. Er ist Chefredakteur des Portals. Wachsmuth gehörte zur OffAir-Crew von Kiss FM Berlin, war von 1994 bis 2005 Moderator und Redakteur bei Radio Jam FM und später als Moderator von Radio BHeins in Potsdam (2015 - 2018). Aktuell ist er Chef und Morgenmoderator bei PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio. Der ausgebildete PR-Berater und Journalist ist auch Mitglied der Jury 25 "Soul, R&B und Hip Hop" beim Preis der deutschen Schallplattenkritik e.V.