Eric Benét – Hurricane (weitere Kritik)

Eric Benét ist nicht mehr der, der er einmal war. So gesagt deutet es auf Enttäuschung über sein Album „Hurricane“ hin, was bei vielen alten Fans auch der Fall ist. Ich möchte dagegen halten: Ein Künstler, der nach sechs Jahren Pause noch die gleichen Songs wie früher macht, ist meist keiner. Weiterentwicklung, das eigene Leben musikalisch zu verarbeiten und damit als Künstler und Mensch authentisch zu sein, wird vom Publikum meist nicht goutiert.

Für einen Künstler, der nicht nur selbst mit seinen ersten beiden Alben einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, sondern sogar mit Halle Berry verheiratet war, kann man feststellen, dass dieses Album mächtig gefloppt ist. Nicht zuletzt durch die ausführliche Berichterstattung in der Boulevardpresse über seine Seitensprünge und am Ende die Scheidung von einer der begehrtesten Frauen auf diesem Planeten, hätte seine hohe Bekanntheit bei der Veröffentlichung von „Hurricane“ zu tollen Platzierungen in den Charts hätten führen können.

Hätte er musikalisch dort angeknüpft, wo er Ende der 90er aufgehört hatte, könnte dieser Artikel vielleicht vom Comeback des Jahres handeln. Eric Benét hat für sein drittes Album jedoch einen ganz anderen Weg gewählt.

Lieder wie „Cracks Of My Broken Heart“ und „Man Enough To Cry” machen schon von den Titeln her deutlich, dass Eric Benét mit diesem Longplayer emotionale Vergangenheitsbewältigung betreibt. Es zeigt sich hier nicht nur, dass es die Probleme in unserem Leben sind, die uns wachsen lassen, sondern auch, wie sehr die Kunst vom Schmerz ihrer Künstler profitiert.

Der Name des Albums mag in Deutschland so manchen auf die falsche Spur führen, bis er sich mit den Texten des Albums auseinandergesetzt hat. Deutschland-Veröffentlichung war im März 2006, so dass man zunächst auf den Gedanken kommen kann, der Künstler greife die schweren Hurrikans aus dem Herbst auf, die so viele Künstler, meist im Rahmen eines guten Zwecks, inspiriert haben. In den USA erschien „Hurricane“ schon im Juni.

Besser passen würde wohl „After The Hurricane“, denn auch wenn es um sehr starke Gefühle geht, an denen uns der Künstler teilhaben lässt, so ist der Sturm doch schon vorüber und steht der Künstler bereits vor dem Scherbenhaufen seines Liebeslebens. Musikalisch gleicht „Hurricane“ eher einem kaum spürbaren leichten Sommerwind am Ende eines heißen Tages. Der Sound ist irgendwo zwischen Babyface und Brian McKnight angesiedelt und ausgesprochen zart. Akustische Gitarren kommen meist zurückhaltend zum Einsatz und der Mann am Klavier scheint sich kaum zu trauen, die Tasten mehr als nur sanft anzustupsen.

Nur wenige Tracks passen nicht in diese Beschreibung, allen voran „Where Does The Love Go“, das in Deutschland als Duett mit Yvonne Catterfeld als erste Single erschienen ist und absolut keinen Eindruck vom restlichen Album vermitteln kann; dieser Song würde auch auf einen der alten Longplayer passen. Vom Klang her erfüllt er zwar die Erwartungen der alten Fans, doch mit dem Gute Zeiten Schlechte Zeiten-Star Yvonne Catterfeld trägt die Single für viele Black Music Fans geradezu ein Warnschild, sich fernzuhalten. Wäre sie nicht Pop- und Soap-Star, würde ihre Leistung sicher fairer beurteilt, denn sie macht hier einen guten Job.

Ganz rund ist dieses Album insofern nicht, als „Where Does The Love Go“ vom Stil her nicht Liedern wie „Still With You“ passen. Da Songs wie letzterer wohl nur dann die Chance haben, einer großen Zahl von Menschen zu Gehör zu kommen, wenn sie in einem Hollywood-Blockbuster gespielt werden, aber auch ein Künstler wie Eric Benét, der für sich die Position einnimmt, so gereift zu sein, das er sich um die Vermarktbarkeit keine Gedanken mehr machen würde, ein paar Songs braucht, die es auch ins Radio schaffen können, halte ich mich mit Kritik an diesem Kompromiss zurück.

Noch einmal zurück nach Hollywood! Viele seiner Lieder würden sich gut in einem Film machen. Was vielleicht nicht jeder weiß: Eric Benét war nicht nur mit einer Schauspielerin verheiratet, sondern auch selbst einer. Sein Filmdebüt machte er ausgerechnet in einem Film, der (wenn auch nicht für ihn, sondern für Mariah Carey) geradezu ein Symbol des Scheiterns ist.

FAZIT: Eric Benét hat als Künstler einen großen Schritt nach vorne geschafft – groß auch noch mit Blick auf die sechs Jahre, die seit seinem vorigen Album vergangen waren.

Künstler: Eric Benét | Album: Hurricane | Label: Reprise (Warner) | VÖ: 24. März 2006

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

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