Kem – Album II

Schon sein Debütalbum „Kemistry“ schien nicht aus diesem Jahrtausend zu sein, sondern in einer Zeitkapsel einige Jahrzehnte auf die Veröffentlichung gewartet zu haben. Mit dem Nachfolger „Album II“ setzt KEM seine musikalische Reise konsequent fort: Seine sanfte Stimme steht völlig im Mittelpunkt, die Instrumentierung ist auf ein Mindestmaß reduziert – ebenso bei vielen Tracks das Tempo. Einige der neuen Lieder sind sogar zum Schmusen zu langsam, sondern eher dazu geeignet, in den Armen des liebsten Menschen einzuschlafen.

Mit seinem zweiten Longplayer erlöst KEM die Menschen, denen moderner R&B selbst bei den Slow Jams noch zu hektisch ist und eine akustische Zuflucht suchen. „Weniger“ scheint der Leitgedanke zu sein, dem KEM folgt und der wohl auch zum Titel „Album II“ geführt hat. Spartanischer geht es kaum noch.

Auf die Lyrics hat er diesen Minimalismus jedoch nicht ausgedehnt, nur auf die Ruhige Art, wie er sie vorträgt. Sein Hauptthema, die Liebe, ist schon so oft besungen worden, dass wohl kein Künstler damit inhaltlich den ganz großen Wurf landen könnte. Gerade angesichts dieser Überfülle erwirbt sich bereits jeder Künstler meinen Respekt, der mein Herz mit seinen Songs berühren kann. KEM kann das. Die zwischenmenschliche Liebe ist KEM nicht genug, als spiritueller Mensch bezieht er Gott in seine Texte ein.

Im Vergleich mit „Kemistry“ fällt auf, dass KEM beim zweiten Album sein Profil deutlich geschärft hat: Sein Sound ist nicht nur noch ruhiger, sondern integriert stärker und besser Jazz-Elemente, wozu auch das Scatten zählt. Ein wenig möchte ich meine Aussage zur Profilierung jedoch gleich wieder relativieren: KEM könnte sich mit diesem Album auch als Al Jarreau-Imitator bewerben; es ist geradezu unheimlich, wie gut er bei manchen Songs dessen Stil trifft. Mit Blick auf das handwerkliche Können zählt das selbstredend zu den größten Komplimenten, die man ihm machen kann.

FAZIT: Das von ihm selbst produzierte „Album II“ müsste angesichts seiner stark beruhigen Wirkung fast schon verschreibungspflichtig sein. So weit weg vom Mainstream und dennoch in den amerikanischen Charts vertreten – es muss wohl an der Qualität liegen!

Künstler: Kem | Album: Album II | Label: Universal (Universal) | VÖ: 17. Mai 2005

Über Oliver Springer 340 Artikel
Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.