Marcos Hernandez – C About Me (weitere Kritik)

Mir gefällt „C About Me“, weil es hier einfach mal was anderes zu hören gibt und ich nicht den Eindruck habe, diesen Sound schon bei dutzenden anderen Künstlern gehört zu haben. „Dann schau doch das nächste Mal gleich in der Pop-Abteilung!“, kann ich als Reaktion auf meine Stellungnahme bereits vorausahnen.

Zugegeben, Marcos Hernandez steht nicht in der Tradition klassischer R&B-Künstler, sondern eher in der von Boybands, die auf ein Pop-Publikum zielen. Rund zwei Jahre war er schließlich auch in so einer Band, zusammengestellt beim Casting eines Radiosenders Sons Of Harmony wurde die Gruppe genannt. Andererseits hatte er vorher vor allem in der Kirche gesungen, was wiederum bestens in die Biografie eines Soulsängers passt.

Als Mexican-American, so lautet wohl die politisch korrekte Einordnung seiner Herkunft, bringt er außerdem nicht nur eine gewisse musikalische Prägung mit, sondern sieht sich auch entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Folgerichtig gibt es auf dem Album auch einen „Spanish Remix“ seiner ersten Single „If You Were Mine“. Mit dem Hinweis, Tommy Quon, der Manager von Vanilla Ice, habe Marcos entdeckt, bringt man Marcos Hernandez in den Augen vieler um den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.

Ein gewisses Misstrauen ist schon angesagt, wenn ein gut aussehender junger Mann mit Pop-Boyband-Vergangenheit, der Teenie-Herzen höher schlagen lässt, besonders harmonischen Mainstream-R&B mit Latino-Sound-Elementen vorlegt, der auch von Dudelsendern gern genommen wird. Ähnliches ließe sich allerdings auch über Jennifer Lopez sagen.

Gibt man „C About Me“ jedoch eine Chance, ist die Bezeichnung Kaugummi-Pop unhaltbar, nicht nur wegen der guten Produktion (z. B. durch Mr. ColliPark, Richie Blaze und Scott Storch), sondern auch wegen der Art, wie der Künstler die Songs präsentiert. Es sieht zwar schon so aus, als ob sehr genau darauf geachtet wurde, dass für jede Gelegenheit etwas dabei ist? für die Clubs, für die Latino-Clubs, fürs Radio, zum Kuscheln usw.), aber zum einen ist das für Künstler, die ordentlich Platten verkaufen wollen, ganz normal, zum anderen sollte gerade ein Newcomer zeigen, was er alles kann – allein schon, um herauszufinden, was dem Publikum am meisten gefällt.

Natürlich gibt es auch Künstler, denen es in erster Linie um ihre Kunst geht, ganz egal, wie viele CDs sie damit verkaufen können. Doch diejenigen davon, die Erfolg haben, bedienen meist auch nur ein bestimmtes Marktsegment – wie das derjenigen CD-Käufer, die auf Künstler stehen, denen es angeblich gar nicht um das Verkaufen, sondern allein um ihre Kunst geht. Soll heißen: Am Publikum führt für Künstler kein Weg vorbei.

Die meisten Lieder auf „C About Me“ klingen fröhlich, doch Marcos’ persönlicher Favorit „I’m Lost“ (mit seiner Schwester Ciamar im Background) erzählt eine traurige Liebesgeschichte. Generell aber ist es Marcos Hernandez wichtig, mit seiner Musik an gute Zeiten zu erinnern.

Mit seinem Gute-Laune-Sound bereichert Marcos Hernandez die R&B-Szene, auch wenn er künstlerisch nicht eben „neue Welten“ entdeckt. Doch von wem lässt sich das schon behaupten?

Künstler: Marcos Hernandez | Album: C About Me | Label: TVT Records | VÖ: 27. Januar 2006

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.