Kanye West – 808s & Heartbreaks

Ob man begeistert ist oder schwer enttäuscht: Kanye Wests neues Album „808s & Heartbreaks“ ist eine Überraschung, ist es doch kein Hip-Hop-Album wie seine drei Vorgänger „The College Dropout“, „Late Registration“ und „Graduation“, sondern ein Black Music-Album, mit dem sich der Künstler musikalisches Neuland erschließt.

Kanye West nennt seinen Musikstil „Pop Art“ und da mag ich ihm nicht widersprechen, denn im Vergleich zu seinen drei Hip-Hop-Alben wirkt auf „808s & Heartbreak“ ein hoher „Pop-Faktor“. Künstlerisch weniger wertvoll ist „808s & Heartbreaks“ deswegen nicht, als Künstler gibt Kanye West viel, vor allem viel Persönliches, verarbeitet er doch den Tod seiner bei einer Schönheits-OP verstorbenen Mutter sowie die schmerzhafte Trennung von seiner Freundin und – beim Text von „Welcome To Heartbreak“ zu verfolgen – mit seinem Megaerfolg fühlt er sich von dem, was im Leben zählt, isoliert.

Kunst, so weiß man, ist nicht nur, was schön ist. Kunst darf unangenehm sein. So ist das leider mit „808s & Heartbreak“, nur aus professionellen Gründen habe ich das neue Kanye West-Album bis zum Ende angehört. Freiwillig würde ich die meisten Tracks nicht spielen, denn der Gesang ist teilweise eine Qual und Kanye West übertreibt den Einsatz des Vocoders dermaßen, dass eine Packung Kopfschmerztabletten zum Lieferumfang seines vierten Longplayers gehören müsste.

Die Tatsache, dass die massiv genutzte Stimmverzerrung zum Konzept gehört, macht es in meinen Ohren nicht besser: Im Gegenteil, die „böse“ Absicht steht einer wohlwollenden Bewertung entgegen. Kanye West ist ein begnadeter Künstler und Profi, absichtlich so einen Sound abzuliefern, lässt Enttäuschung zu Verärgerung werden.

Dabei hätte „808s & Heartbreaks“ ein Meilenstein von einem Black Music-Album werden können, denn seine Synthesizer-Beats sind spannend, wirklich spannend, die Produktion ist professionell wie eh und je, die für Rapper atypische melancholische Grundstimmung ist originell und seine Lyrics sind natürlich keine Sprechblasen. Den poppigen Sound einiger Lieder könnte man da fast als besonderen Stil durch die Qualitätskontrolle winken. Fast.

Beim Track „RoboCop“ wird deutlich, dass ein toller Künstler, hervorragender Rapper und visionärer Produzent nicht automatisch ein guter Sänger ist. Hier wünscht man sich die volle Dröhnung aus dem Vocoder streckenweise schon wieder herbei, um vor der Gesangsstimme von Kanye West beschützt zu werden.

Unter den besonders anstrengenden Tracks leiden die wenigen hörenswerten Songs auf „808s & Heartbreaks“ wie „Say You Will“, bei dem ich mich, statt wie wohl beabsichtigt an EKG-Piepser aus dem Krankenhaus, an die nervtötenden Quittungstöne einer Scannerkasse beim Discounter erinnert fühle.

Mit den futuristischen Beats, dem Mut zur Überschreitung von Genregrenzen und den Texten, die ihn als emotional angeschlagenen Mann zeigen, hätte Kanye West mit „808s & Heartbreaks“ eines der wertvollsten Black Music Alben 2008 erschaffen können. Stattdessen muss ich leider sagen, Kanye West hätte in seinem Zustand kein Album aufnehmen sollen. Und das mit dem Singen gibt er hoffentlich wieder auf oder beschränkt es zukünftig auf Karaokeabende im Freundeskreis.

Künstler: Kanye West | Album: 808s & Heartbreaks | Label: Def Jam (Universal) | VÖ: 21. November 2008

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Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

2 Kommentare

  1. .. ist ja bekanntlich oft unterschiedlich, doch bei diesem Artikel muss ich mich fragen ob der Autor das neue Album mehr als einmal durchgehört hat bzw. ob er die Musik von Kanye West überhaupt versteht. Seine Alben – und vor allem „Graduation“ – haben nicht etwa von etwaigen Gaststars gelebt, sondern von den genialen Texten, nicht umsonst wird Kanye West im Business von allen Seiten als „Master of Lyrics“ bezeichnet.
    Dass die Verwendung von Autotune für das gesamte Album von vielen Seiten kritisiert wird ist aus zweierlei Hinischt vollkommen unverständlich: Einerseits wurde schon „The College Dropout“ vollständig mit Autotune produziert, andererseits handelt es sich beim neuen Album um einen Schritt in eine andere Richtung für Kanye West, die er mit Autotune unterstützt.
    Persönlich halte ich „Love Lockdown“ nicht mal für eines der Top-Werke des Albums, „Welcome to Heartbreak“, „Paranoid“ und zum Beispiel auch „Heartless“ haben viel tiefgreifendere Lyrics und sind alles in allem bessere Stücke.
    „808s & Heartbreak“ beinhaltet sogar noch mehr Qualität und großartige Songs als „Graduation“ – und das will schon etwas heißen!

  2. @blubbtier: Danke für Deinen Kommentar! Zuerst: Ja, ich habe das Album intensiv gehört. Leider ist dabei kein Gewöhnungseffekt eingetreten – das gibt es ja manchmal und manchmal muss man sich in einen Sound / Stil erst „hineinhören“. Das hat leider nicht geholfen.

    Gegen die Lyrics auf dem neuen Album von Kanye West habe ich nichts gesagt. Nur: Die besten Texte helfen nichts, wenn man ein Album nicht mit Genuss hören kann. Der Gesang von Kanye West überzeugt mich einfach nicht, wobei das viel zu milde formuliert ist. Er sollte es sein lassen – oder richtig lernen. Gesangstexte kann er ja anderen Künstlern geben, die gut singen können.

    Ich behaupte: Wäre „808s & Heartbreaks“ sein erstes Album, hätte Kanye West kein zweites aufnehmen dürfen. Der Erfolg rührt in erster Linie von seinem Image und Status, wofür er einiges geleistet hat in der Vergangenheit. Ist man erstmal ein Fan, lässt man einem Künstler vieles durchgehen. Damit erweist man ihm jedoch keinen Gefallen. Es ist kein Wunder, dass so stark gefeierte Künstler die Bodenhaftung verlieren und sich selbst überschätzen.

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