Rihanna – Good Girl Gone Bad (Reloaded)

Konsequent kommerziell und dabei professionell. Beginnen wir mit dem Lob, denn es ist angebracht, obwohl Rihanna sich seit ihrem großartigen Album „Music Of The Sun“ und ihrem mittelmäßigen Nachfolger „A Girl Like Me“ mit ihrem Sound in eine Richtung entwickelt hat, die oft kaum noch der Black Music zugeordnet werden kann.

Immerhin ist es gut gemacht, klingt sehr nach „auf der Höhe der Zeit“ und trifft den Nerv der Charts-Hörer. Zu hart möchte ich mit „Good Girl Gone Bad“, das wir hier in der Reloaded-Version (mit den drei extra Tracks „Disturbia“, „Take A Bow“ sowie „If I Never See Your Face Again“ mit Maroon 5) bewerten, nicht ins Gericht gehen.

Im Gegensatz zu „A Girl Like Me“ bietet „Good Girl Gone Bad“ nicht weichgespülten R&B, sondern gleich mehr Stücke, die eher Pop als R&B sind, dafür aber guter Pop statt schlechter R&B.

Die Mischung auf „Good Girl Gone Bad“ geht auf, denn Rihannas Songs passen gut zusammen, sodass das Anhören vom ersten bis zum letzten Track den Eindruck des runden Gesamtwerks verstärkt. Zu hoch sollte der musikalische Anspruch dabei nicht angesetzt werden, denn künstlerische Relevanz darf von Rihanna auf ihrem dritten Longplayer nicht erwartet werden. Diesen Weg hat sie aufgegeben, die Kontrolle ihres Sounds scheint vollends in die Hände ihrer Produzenten Timbaland, Stargate, Christopher „Tricky“ Stewart, Hannon Lane, Shea Taylor, Neo Da Matrix, Carl Sturken, Evan Rogers, J. R. Rotem und Ne-Yo übergegangen zu sein.

Schlimm? Nein, sich von Profis eine Sammlung Hits vorbereiten zu lassen, das Resultat Album zu nennen und Geld mit der Umsetzung und Promotion zu verdienen, ist ein anständiger Job. Wer Rihanna dafür Vorwürfe machen möchte, sollte sich selbst fragen, wie er für sich die Frage zwischen Kunst und kommerzieller Verlockung beantworten würde.

Das sterile, moderne Großstadtfeeling des Hochglanzprodukts „Good Girl Gone Bad“ übt eine andere Faszination aus als der Tropical R&B ihres Debütalbums „Music Of The Sun“: Das geballte Know-how ihrer Produzenten und Songschreiber gepaart mit Rihannas handwerklicher Spitzenperformance hat ein Produkt von kaltem Glanz geschaffen, das verlockend ist, obwohl ihm die Wärme und Lebendigkeit echten künstlerischen Ausdrucks fehlt.

Indem Rihanna sich vom R&B zu Pop, Dance, Electro und Rock öffnet, ist sie weiter als je zuvor davon entfernt, R&B-Ikone Aaaliyah zu beerben, sondern steht eher in der Tradition von Madonna. Der Begriff R&B-Prinzessin sollte, geht es um Rihanna, nur noch mit dem Zusatz „Ex“ gewählt werden.

Erstaunlich ist, wie wenig Gäste auf „Good Girl Gone Bad“ Rihanna zur Seite stehen: Jay-Z liefert für „Umbrella“ eine starke Eröffnung, doch im weiteren Verlauf des Tracks fragt man sich, wo er hingegangen ist, warum der Song nicht so stark weitergeht wie er beginnt. Einen starken Auftakt lieferte Rihanna auch durch ihr bis dato ungewöhnlich freizügiges Video zu „Umbrella“.

Starken Körpereinsatz bot Rihanna ebenso im Video zu „Shut Up And Drive“, einem sehr rockigen Track, der an R&B gar nicht mehr erinnert, dafür an den Sound von New Order, denn es wurde ein Sample einer Coverversion (der Band Orgy) verwendet.

Verführerisch setzt Rihanna ihren Luxuskörper erneut im Video von „Hate That I Love You“ ein – Rihanna zeigt Haut, Gesangspartner Ne-Yo „Hut“.

Im Video zu „Don’t Stop The Music“, in dem ein Michael Jackson-Sample von „Wanna Be Startin’ Somethin’“ aus 1983 für das gewisse Etwas sorgt, wirkt Rihanna dagegen überraschend angezogen, was auch für das Video von „Take A Bow“ gilt.

Demgegenüber dürfte es Rihannas männlichen Fans beim Video zu „If I Never See Your Face Again“ den Atem verschlagen haben. Der Track, den Rihanna gemeinsam mit der Pop-Rock Boyband Maroon 5 präsentiert, gehört mit seinem packenden Rhythmus zu den besten Songs auf „Good Girl Gone Bad“.

Im Video zur „Disturbia“, wie „If I Never See Your Face Again“ einer der drei extra Tracks auf der Reloaded-Fassung von „Good Girl Gone Bad“, wechselt sie vom Hochglanz-Erotik-Stil hin zu dunkleren erotischen Fantasien, sieht man Rihanna im „Disturbia“-Video doch der Reihe nach in einem Käfig, mit Seilen gefesselt und mit Ketten ihrer Freiheit beraubt – wobei sie selbstverständlich immer Highheels trägt. Wer hätte gedacht in Zeiten von „Music Of The Sun“ gedacht, die junge R&B-Sängerin mal in einem düsteren Video wie „Disturbia“ zu sehen?

Die Videos zu den Songs auf „Good Girl Gone Bad“ unterstreichen eindrücklich, wie konsequent Rihanna sich seit ihrem dritten Album vermarktet. Ein hübsches Produkt ist es allemal.

Künstler: Rihanna | Album: Good Girl Gone Bad (Reloaded) | Label: Def Jam (Universal) | VÖ:13. Juni 2008

Über Oliver Springer 340 Artikel
Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

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