N*E*R*D – No One Ever Really Dies

(Foto: Promo/Universal Music)

Pharrell Williams meldet sich im letzten Monat des Jahres in seiner Formation „N.E.R.D“ zurück mit einem sehr politisch-geladenen Album. Wenn es nicht Pharrell wäre, der seit 2001 regelmäßig sein breites und sehr diverses musikalisches Repertoire zur Schau stellt, wäre das Album sogar eine Überraschung gewesen.

 

Jedoch überrascht bei einem Musiker, der gleichermaßen an dem Dorfkirmes-Hit „Happy“, dem Rap-Klassiker „Frontin“, und dem Remix von Maroon 5s „She will be loved“ mitgewirkt hat, wirklich kaum noch etwas. Der letzte Song Pharrell‘s in der Formation mit N.E.R.D. war etwas weniger politisch, er drehte sich um den 2015 erschienen Spongebob-Film und enthielt lyrische Meisterwerke wie

Squeeze me till I pop (yeah)
Squeeze me till you drop

(N.E.R.D., Squeeze Me)

Dass der Content des Albums diesmal etwas anspruchsvoller wird, ließen schon die pre-Releases „Lemon“ und“ „1000“ erahnen.„Lemon“ beginnt mit den Zeilen „the truth will set you free. But first, it will piss you off.“ Genauso bedeutungsträchtig geht es weiter:

Hate! Hatin‘ Niggas can’t believe my race
Hate! You keep askin‘ me where I’m from
There’s a light and a dark army, which side you choose?

(N.E.R.D., Lemon)

Das hört sich erst einmal sehr aggressiv an gegenüber Menschen, die ihn dazu auffordern, Farbe zu bekennen. Will er uns damit jetzt sagen, dass er neutral zu den aktuellen Ereignissen in den USA steht? Neutral zu den beinahe täglichen Morden an Afro-Amerikanern durch Polizisten? Neutral zu diskriminierenden Donald Trump-Policies, wie der Ausweisung der als „Dreamer“ gelabelte in den USA geborene Kinder illegaler Einwanderer? Pharrell lässt erst einmal offen, auf welcher Seite er steht. Das „Bouncing Around“ im Refrain lässt es weiter so wirken, als stünde Pharrell zwischen den Stühlen der polarisierten amerikanischen Gesellschaft.

Für welche Seite Pharrell samt Entourage sich politisch entscheiden, die „light“ oder die „dark army“, zeigt sich jedoch noch sehr stark im Laufe des Albums. (Spoiler-Alarm: Pharrell ist kein Befürworter von Rassismus). Musikalisch jedenfalls entscheidet sich Pharrell auf No One Ever Really Dies schonmal eindeutig für keine Seite.

Trotz der Rap-Einflüsse durch Gast-Strophen von Gucci Mane und Kendrick Lamar: Die Beats sind jedoch sehr elektronisch, teilweise sogar minimal-mäßig. Rockig-anmutende Songs sind auch mit dabei. Die Tänzerin in den Videos zu „Lemon“ und „1000“ wirkt sehr hipster und androgyn, sie kann jedoch auch twerken. Und zu guter Letzt wäre da noch der Dancehall-Track zusammen mit Ed Sheeran, der ziemlich aus der Reihe tanzt. Musikalisch gesehen stellt No One Ever Really Dies genau das dar, was Pharrell selbst ist: musikalische Vielfalt. Pharrell entscheidet sich musikalisch weder für die „light“, noch für die „dark army“. Der twerkende Hipster ist ein starkes Symbol für die Fusion diverser Musikstile, die dieses Album so auszeichnet. 

(Foto: Promo/Universal Music)

Bezogen auf den Inhalt sieht das jedoch ganz anders aus. Politisch bezieht N.E.R.D. eine klare Position. Nachdem 2016 ein Jahr war, indem amerikanische Künstler nicht davor gescheut hatten, sich politisch zu äußern, sah es 2017 generell recht mau aus. Wo sind die Black-Panther-Aufzüge geblieben? Wo ist die Lady Gaga, die sich für alle Marginalisierten stark macht? Wo ist der Kanye West, der auf der Bühne ausrastet und den Präsidenten beleidigt? 2017 scheint trotz täglichen Gründen, sich über Politik aufzuregen, musikalisch ziemlich unpolitisch. Beinahe könnte man sagen, amerikanische Künstler haben, nach der Wahl von Donald Trump, einfach resigniert.

Bis No One Ever Really Dies zwei Wochen vor Jahresende erscheint.

Im Video zu „1000“, wird Material von Demonstrationen, Polizeibrutalität, Aufständen, und brennenden Südstaaten-Flaggen gezeigt.

In „Deep Down Body Thurst“ ist ziemlich offensichtlich, wer hier direkt angesprochen wird

Mane, fuck what you say
We’re gonna climb your wall

Oh you won’t get away!
The way you treat Islam
(N.E.R.D., Deep Down Body Thurst)

Und auch in „Don’t Don’t Do it“, wird klar, dass Pharrell sich nicht diplomatisch in einer Frage zeigt, die man diplomatisch nicht lösen kann:

They tell you pull over, tell you get out the car
Don’t do it, don’t don’t do it
(N.E.R.D., Don’t don’t do it)

Kendrick Lamar’s Part auf dem Track wird noch deutlicher

Raise your hand up, and they’ll shoot ya‘
Face off, face off Adolf Hitler
Grandkids slayed off
Niggas, same rules, same chalk
Different decade, same law
(N.E.R.D., Don’t don’t do it)

Der Song wurde inspiriert von dem Skandal um Keith Lamont Scott: ein 43-jähriger Afro-Amerikaner, der 2016 in Charlotte, North Carolina durch einen Polizisten zu Tode geschossen wurde. 

Foto der Aufstände in Folge des Erschießens von Keith Lamont Scott durch einen Polizeibeamten © Vice News

Der letzte Track auf dem Album erscheint hingegen wie eine starke Zäsur: Es wird unpolitisch. Es wird all das nachgeholt, was auf einem Mainstream-Album fehlt: Ein einprägsamer Dancehall-Pop-Track mit Ohrwurm-Potenzial folgt, der sich um Gras, Gerüchte, und Ed Sheeran dreht und damit wirklich von jedem, der zwei Ohren hat, gehört und verstanden werden kann.

Fazit: Das Album ist keinesfalls so einschlägig wie die vorherigen Pharrell oder N.E.R.D-Veröffentlichungen. Es ist geprägt von starken Messages, und experimenteller Fusion von verschiedenen Musikstilen. Reinhören lohnt sich nur, wenn man bereit ist, sich voll und ganz dem Album und den Texten hinzugeben. Danach hat das Album allerdings Suchtpotenzial! Für alle denen das zu anstrengend ist: Der erste Song (Lemon mit Rihanna) und der letzte Song (Lifting you mit Ed Sheeran) sind auch ohne jegliches Hintergrundwissen ganz gut zum passiv berieseln lassen. Auf der Dorfkirmes werden sie trotzdem wahrscheinlich eher selten gespielt werden.

Über Jonas Sadik 3 Artikel
Jonas Sadik ist seit 2016 für Rap2Soul unterwegs. Neben dem Verfassen von Albumrezensionen unterstützt er uns bei Interviews mit Künstlern, vor und hinter der Kamera. In London ist er außerdem stets zur Stelle für Interviews in der Hip-Hop-Fan-Szene

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