Eunique – „GIFT“

„Schlüsselkind, allein zuhause
Mama muss arbeiten, Miete bezahl’n
Tochter denkt sich, selbst ist die Frau“ (Eunique – „404“)

Euniques Debütalbum ist nur so übersät von Einblicken in den Struggle einer innerstädtisch aufwachsenden Frau: Der Rapperin aus Hamburg gelingt mit ihrem Album „GIFT“ ein perfekter Schachzug – denn das Album hat eine sehr starke, progressive, und sozialkritische Wucht, sagt dir das aber nicht ins Gesicht…

Ein Album wie jedes andere

Was Eunique perfekt beherrscht: Sie fuckt den Hörer nicht ab mit zu viel unangenehmen Politik-Getue und genau so schafft sie es deepen Content zu transportieren. Sie versteckt ihn in geilen Beats, und catchy Melodien, droppt zum Beispiel ganz nebenbei dass sie Kind einer alleinerziehenden Mutter aus Ghana ist. Eunique gibt Message ohne einen bourgeoisen Bildungsduktus anzunehmen (ergo: wie ein Alman zu sprechen). Eunique bleibt ihrem working class-Stil treu. Konsequent von A bis Z. Es ist sehr wichtig, dass sie diese macht. Sie zeigt wie nice sie ist, indem sie ihre Hood-Ästhetik mit künstlerischer Exzellenz vereinbart, wie man sie selten antrifft. Sie bricht mit Voreingenommenheiten. Einst sagte der Berliner Radiomoderator Moe, Manuellsen steht seinem eigenen Durchbruch im Weg, da er auf seinen Songs zu viel flucht. Wo er damals eventuell recht hat mit seiner Analyse: Ich verspreche euch, Eunique kann so oft „Nigga“ und „Bitch“ sagen wie sie möchte – sie wird trotzdem in der Mitte der Gesellschaft ankommen – weil sie nicht mehr zu leugnen sein wird. Schlicht undeniable, denn sie setzt auf work ethic, statt auf words and politics.

Ich bin ein Bad-Gyal, Rude-Gyal, Bad-Gyal
Orginal Bad-Gyal, Bad-Gyal, Rude-Gyal
Mein Outfit ein Skandal, Bad-Gyal, Rude-Gyal
Mentalität, ich geb‘ ein’n Fick, wie ihr seht
(Eunique – „Bad Gyal“)
Eunique und der afrozentrische Bantu-Squad

„GIFT“ steht den aktuellen Projekten von Acts wie 187 Straßenbande, RAF Camora, Nimo oder Dardan in nichts nach wenn es um Eingängigkeit geht. Songs wie „Check“ oder „Genau So“ mit Veysel und Xatar respektive sind hypnotisierende Bretter. Sie ballern soundtechnisch, sie ballern durch ihre Produktion Sie passen perfekt in jede Straßen-Rap-Playlist hinein. Eunique rappt nicht in langweiliger Sookie-Manier darüber dass Frauen Gleichberechtigung brauchen, sie rappt einfach alle anderen Männer, auch die auf ihrem Album, unter den Tisch, und sorgt so für Gleichberechtigung.  Und dabei hat die Gute ordentlich Spaß – sie spricht darüber, dass es ihr ein besonders guter Schwanz angetan hat („Bad Gyal“), warum ihr Marijuana eindeutig mehr zusagt als Koka („Cannabis“) und indem sie offen nach der Krone von Helene Fischer und Nena giert („Aber juckt nicht“), macht Eunique nochmal eindeutig klar, dass sie sich langfristig ganz klar außerhalb der Deutschrap-Blase sieht, dass sie sich in keine Box stecken lässt.

Kein Album wie jedes andere

In aktuellen Zeiten, wo Gender, Race und Identity gefühlt krasser diskutiert werden als je zuvor, könnte man Eunique vorwerfen sie pussyitioniert sich nicht genug. Klar, sie droppt hier und da immer wieder Lines für Girl Power und auch die Begrifflichkeit der „Pussyitionierung“ habe ich von ihr geklaut. Aber wo bleibt die Solidarität zu den migrantischen Schichten. Als Journalist ist man zugegebenermaßen, oft geil drauf die Musik einer jungen Frau zu politisieren, wie man es bei einem Mann nicht machen würde. Weil ich nicht sexistisch sein wollte,  habe ich mir am Ende doch nicht zu viel erwartet, denn ich dachte mir: Eunique lebt nacht der Devise „Actions speak louder than words“. Sie braucht es nicht sagen um es zu zeigen. Aber dann, Digga,  nach 19 Songs höre ich die beigefügte BOSS-EP und there the fuck it is, mein #BlackGirlMagic-Moment. Der erste fucking Satz auf der EP redet einfach von classism and racism und das N-Wort fällt – dass, das so spät kommt ist definitiv kein Zufall. Die komplette letzte EP besteht aus Bars die, die schwarze Freiheitsbewegung thematisieren.

Just as the white man can do these things for himself and his kind, we can come together and do the same thing for our kind (Malcolm-X-Zitat auf Euniques „Round III“)

Sie musste tun was sie tun muss. Eunique zeigt uns wie man universell bleibt, aber wenn es darauf ankommt trotzdem ganz klar Farbe bekennt. Eunique zwingt niemanden, der nicht ready ist sich deutsche Negritude zu geben (sie hat einfach ein Malcolm-X-Zitat auf ein Album gepackt, dass sich vornehmlich an Teenies richtet).

„Mein Familie Schwarzafrikaner, Negros aus Amiland und Jamaikaner“ (Eunique – „Round I“)
Eunique im Video zu „Genau So“ mit Yorùbá-Gesichtsbemalung

Eunique fixt dich mit den eingängigen, vermeintlich belanglosen und nicht so unbequemen Songs an, zwingt dich sie kennenzulernen, sie als feiernden Mensch, als Hamburgerin, als eine wie jede andere zu sehen, und ehe Du dich versiehst, hast Du ihren ganzen afrozentrischen, black-conscious Bantu-Squad supportet und lauscht deren gesellschaftskritischen Messages. Eunique macht die Beyoncé – sogar gekonnter. Sie hat den Shift von „Crazy In Love“ bis hin zum „Formation“ einfach auf die erste Phase ihrer Karriere zusammengerafft. Eunique, die gefährliche Kobra – schön und majestätisch aber kommst du ihr zu nah, sticht ihr Gift. Und wer macht das so verdammt nice wie sie?

Künstler: Eunique | Album: GIFT | Label: Universal Music

Über Malcolm Ohanwe 108 Artikel
Malcolm Ohanwe moderiert sein eigenes Format "MalcolmMusic", wo er das Who-is-Who der Genres R&B, Afrobeat, und Hip-Hop interviewt.

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