Nivea – Complicated

Bei den Slow Jams zeigt Nivea auf „Complicated“ der Konkurrenz, wo’s lang geht! Nicht nur stimmlich, auch bei den Texten zeigt die Entwicklung im Vergleich zum Debüt klar nach vorne, diesmal durfte sie sich beim Songwriting auch selbst stärker einbringen. Ob Verführen oder Einlullen, Nivea säuselt so überzeugend, dass es trotz der modernen, synthetischen Instrumentierung ganz kuschelig wird.

Hätte sich die Künstlerin auf diese Schiene beschränkt, wäre „Complicated“ zwar etwas einseitig, in seiner Art jedoch große Klasse geworden. Hätte und wäre…ja, leider sind neben den starken Nummern auch öde und nervige dabei, die den Gesamteindruck verderben: Tiefpunkt meiner ganz persönlichen Wertung ist das als erste Single ausgekoppelte „Okay“ mit Lil‘ Jon als Gast. Selbst für Lil‘ Jon, der einen Hit nach dem anderen produziert und dabei nicht eben durch Abwechslung auffällig wird, ist dieses Lied sehr monoton. Da klingt schon das Original nach „Klingelton auf Billig-Handy“. Aber okay…mit irgendwas soll das Album ja auch in die Charts, das passt dann wieder…Mit dem Remix wird klar, dass sich aus dem Song einiges mehr herausholen lässt, wenn man es etwas ruhiger und melodiöser angeht.

Bei „Gangsta Girl“ mit R. Kelly zeigt sich, dass auch mit Standardrezepten ein Blumentopf zu gewinnen ist, wenn solide gearbeitet wird. Hier wird zwar auch nix Neues geboten, doch ist die Nummer handwerklich richtig gut gemacht und überzeugt mit ihrem Konzept. Im Vergleich zu „It’s All Good“ wirkt dieses Stück dann sogar recht clever. Der poppige Teenager-Charme der Nummer lässt bei „It’s All Good“ eine gewisse unbeschwerte Heiterkeit aufkommen. Das hat was. Hat aber nichts mit auch nur ansatzweise anspruchsvollem R&B zu tun.

Einen Gast hat Nivea auch noch bei „Quickie“, einem kräftigen Midtempo-Track, bei der Rasheeda dabei ist. Sie peppt das Stück zwar auf, doch wirkt das Ganze nicht stimmig, scheint die von mir sonst geschätzte Rapperin nicht in den (harmlosen) Sound des Songs zu passen. Das ist Verschwendung von Talent!

Bei „Parking Lot“ stimmt dagegen alles: Auf den ruhigen, unverbrauchten Beat singt Nivea sehr überzeugend, bekommt ihre Stimme den benötigten Raum. Und davon hätte man ihr auf „Complicated“ weit mehr geben müssen, denn ihre helle, zarte Stimme geht sonst leicht im musikalischen Getöse unter. Nivea braucht da eine andere Produktion als Sängerinnen wie etwa Christina Aguilera, die mit ihrer kräftigen Stimme andere aus den Schuhen hauen könnte. Bei den schnelleren Liedern wurde dieser Umstand sträflich ignoriert.

Am Ende ist „Complicated“ dann dennoch insgesamt gut gelungen, weil es nur wenige schnelle Tracks gibt, die mittelschnellen passabel und die ruhigen prächtig gelungen sind – alles gemessen an den Maßstäben kommerziellen R&Bs.

Künstler: Nivea | Album: Complicated | Label: Jive | VÖ: 4. März 2005

Über Oliver Springer 339 Artikel
Oliver Springer gehört neben Jörg Wachsmuth zu den Gründern von rap2soul. Er lernte Hörfunk ab 1994 bei JAM FM und moderierte dort fast 12 Jahre. Später war der ausgebildete PR-Berater er als Pro-Blogger tätig. Gemeinsam mit Wachsmuth entwickelte Springer den Digitalradiosender PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio, bei dem er seit 2018 den Nachmittag in der Drive Time moderiert.

1 Trackback / Pingback

  1. Nivea im Interview // Neues Album “Nivea Revealed”, Probleme mit Lil Wayne und Christina Milian (Teil 1) | rap2soul

Kommentare sind deaktiviert.