„Die wahre Heldin fehlt“ – Warum Haftbefehls Mutter in der Netflix-Doku nicht vorkommt

Die Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ begeistert Millionen, doch eine zentrale Figur bleibt darin nahezu unsichtbar: Haftbefehls Mutter. Während der Vater des Rappers Aykut Anhan mehrfach thematisiert wird, fehlt die Mutter fast vollständig – ein Umstand, der in der HipHop-Community und darüber hinaus für Diskussionen sorgt.

Eine farbige Kohlezeichnung von Haftbefehl (KI-Art)
Eine farbige Kohlezeichnung von Haftbefehl (KI-Art)

Regisseur Juan Moreno erklärte im „Spiegel“-Podcast „Shortcut“, dass ursprünglich ein Interview mit der Mutter geplant war. Das Setting stand, das Team war bereit – doch kurz vor Drehbeginn bat sie in einer Sprachnachricht darum, nicht im Film gezeigt zu werden. Der Grund: Es falle ihr zu schwer, über den verstorbenen Ehemann und den Zustand ihres Sohnes zu sprechen.

Doch die Kritik reißt nicht ab. Anja Caspary, Musikchefin beim rbb, kommentierte auf Facebook, dass die Entscheidung, die Mutter nicht einmal durch Aussagen der Söhne zu würdigen, „traurig und unzeitgemäß“ sei. Besonders brisant: Moreno bestätigte, dass Haftbefehls Mutter eine erfolgreiche Ruderin war, die für Beşiktaş Istanbul international antrat – also alles andere als ein unterdrücktes Hausmütterchen.

Diese Information wurde in der Doku bewusst ausgelassen. Laut Caspary, um das Narrativ zu stützen, dass Haftbefehl nach dem Tod des Vaters völlig haltlos war und deshalb in die Drogensucht abrutschte. Auch Bruder Capo äußerte sich auf Instagram: Die Mutter sei „die wahre Heldin dieser Geschichte“, und kein Film könne zeigen, was sie wirklich geleistet habe.

Die Doku zeigt Haftbefehl als gezeichneten Künstler zwischen Selbstzerstörung und Größenwahn. Doch die Auslassung der Mutter wirft Fragen auf: Wurde hier ein zu einseitiges Bild gezeichnet? In einer Szene verlässt Haftbefehl die Premiere, als er alte Videos seines Vaters sieht – aufgenommen von seiner Mutter. Ein emotionaler Moment, der zeigt, wie präsent sie eigentlich ist.

Die Diskussion um die Darstellung von Familienrollen in Musikdokumentationen ist damit neu entfacht – und „Babo – Die Haftbefehl-Story“ liefert mehr als nur Rapgeschichte: Sie zeigt, wie Narrative konstruiert und Heldenrollen verteilt werden. | mit Ki

Über Jörg Wachsmuth 2723 Artikel
Jörg Wachsmuth gehört zu den beiden Gründern von rap2soul. Er ist Chefredakteur des Portals. Wachsmuth gehörte zur OffAir-Crew von Kiss FM Berlin, war von 1994 bis 2005 Moderator und Redakteur bei Radio Jam FM und später als Moderator von Radio BHeins in Potsdam (2015 - 2018). Aktuell ist er Chef und Morgenmoderator bei PELI ONE - Dein neues Urban Music Radio. Der ausgebildete PR-Berater und Journalist ist auch Mitglied der Jury 25 "Soul, R&B und Hip Hop" beim Preis der deutschen Schallplattenkritik e.V.

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