Wie sich eine globale Musikrichtung ihren Weg in die türkische Sprache bahnte – und dabei eine neue Generation von Künstlern hervorbrachte.*
Von Soul zu Saz: Die Wurzeln des türkischen R&B

R&B – Rhythm and Blues – ist ursprünglich ein afroamerikanisches Genre, das sich seit den 1940er Jahren stetig weiterentwickelt hat. In der Türkei hingegen war die Musiklandschaft lange Zeit von arabesken Klängen, türkischem Pop und Rock geprägt. Erst mit dem Einfluss westlicher Musikrichtungen in den 1990er Jahren begannen sich Elemente des R&B langsam in die türkische Musik einzuschleichen – zunächst zaghaft, oft nur als stilistisches Ornament.
Ein früher Vorreiter war Tarkan, der zwar primär als Popstar galt, aber mit Songs wie „Kuzu Kuzu“ oder „Dudu“ bereits soulige Gesangstechniken und urbane Beats einsetzte. Auch Kenan Doğulu experimentierte mit Funk- und R&B-Elementen, etwa in „Aşkım Aşkım“. Doch ein klar definierter türkischsprachiger R&B war zu dieser Zeit noch nicht etabliert – es fehlte an Produzenten, Plattformen und einem Publikum, das diese Klangästhetik einordnen konnte.
Diaspora als Katalysator: R&B zwischen Berlin und Istanbul
Ein entscheidender Impuls kam aus der türkischen Diaspora in Deutschland. Während sich in Berlin und anderen Städten bereits in den 1980er Jahren eine lebendige Hip-Hop-Szene mit türkischen Wurzeln entwickelte, begannen Künstler*innen wie Aziza A., Sertac Mutlu oder Eko Fresh damit, urbane Genres mit türkischer Sprache zu verbinden. Zwar lag der Fokus meist auf Rap, doch die Nähe zum R&B war spürbar – sei es in den Hooks, den Produktionen oder der emotionalen Tiefe.
Diese transkulturelle Bewegung beeinflusste auch die Musikszene in der Türkei selbst. Mit dem Aufkommen von Internet und sozialen Medien wurden internationale Trends schneller adaptiert, und junge Künstler*innen begannen, sich bewusst als Teil einer globalen R&B-Community zu sehen.
Die neue Generation: Türkischer R&B im digitalen Zeitalter
Seit den 2010er Jahren hat sich türkischsprachiger R&B zu einem eigenständigen Genre entwickelt – getragen von einer neuen Generation von Musiker*innen, die sich stilistisch zwischen Trap, Soul, Pop und elektronischer Musik bewegen.
Allen voran steht Güneş, die mit Tracks wie „Suçlarımdan Biri“ oder „NKB“ eine düstere, introspektive Form von Trap-R&B etabliert hat. Ihre Texte sind persönlich, ihre Beats international – und doch bleibt die türkische Sprache zentral. Auch Emir Taha, der zwischen London und Istanbul pendelt, bringt mit Songs wie „Hoppa“ oder „Hata“ eine minimalistische, fast avantgardistische Variante des R&B auf die Bühne.
Weitere wichtige Namen sind Lil Zey, Mert Demir, Aleyna Tilki und Mabel Matiz – letzterer verbindet R&B mit türkischer Poesie und queerem Empowerment. Besonders spannend ist, wie viele dieser Künstler*innen Genregrenzen sprengen und R&B nicht als festes Format, sondern als emotionalen Ausdruck begreifen.
Zwischen Mainstream und Subkultur: Wo steht türkischer R&B heute?
Heute ist türkischsprachiger R&B kein Nischenphänomen mehr. Plattformen wie Spotify, YouTube und TikTok haben dazu beigetragen, dass Songs wie „Ateşe Düştüm“ (Mert Demir) oder „Retrograde“ (Aleyna Tilki) Millionen von Streams generieren. Gleichzeitig bleibt das Genre ein Ort für Experimente, Identitätssuche und kulturelle Fusion.
Die Szene ist jung, dynamisch und oft weiblich geprägt – mit Künstlerinnen wie Selin, Gönül Filiz oder Feride Hilal Akın, die emotionale Tiefe mit modernen Produktionen verbinden oder Ebru Keskin, deren Weg von der Bühne des Berliner Black Music Senders Kiss FM über rap2soul und Atlanta nach Istanbul führte. Auch Kollaborationen mit Produzenten aus dem Balkan, dem arabischen Raum oder Westeuropa zeigen: Türkischer R&B ist längst Teil einer globalen Bewegung.
Eine Stimme für die neue Generation

Der türkischsprachige R&B ist mehr als nur ein musikalischer Trend – er ist Ausdruck einer Generation, die sich zwischen Tradition und Moderne, zwischen Istanbul und Berlin, zwischen Pop und Protest bewegt. Seine Geschichte ist jung, aber vielversprechend. Und sie wird von Künstler*innen geschrieben, die keine Angst vor Genregrenzen haben – sondern sie bewusst überschreiten. | mit KI
Kommentar hinterlassen