Grace Risch im Interview | „Ich sehe meine Musik eher als Pop mit R&B-Touch“

Bildschirmfoto 2016-06-01 um 00.35.14Mir ihrem Song „Mücke“ läuft Grace Risch diesen Sommer in den Popradios rauf runter. Doch bereits vor ihrem Ausflug in die Gefilde des Synth-Pops, hat die Berlinerin musikalische Spuren hinterlassen. Unter dem Pseudonym GRACE (damals noch ohne Nachnahmen) sorgte sie mit dem Video zu „Meine Welt“ mit dem Rapper Megaloh für Achtungserfolge. Wir hatten die Möglichkeit der Sängerin Fragen über deutschen R&B, ihre nigerianischen Wurzeln und ihre persönlichen Definition von goldenen Zeiten zu stellen. Das komplette Interview zum nachlesen, plus ihr brandneues Video „Papa Kiste“, direkt nach dem Jump!

Im Musikbiz hast Du ja bereits einige Co-Signs von größen des Hip-Hops erhalten, wie wird man cool mit dem Who-Is-Who des Deutschraps? Hast du mal auf Tour Background gesungen, oder ist dein Dad ein großer Plattenboss, wie sahen deine ersten musikalischen professionellen Erfahrungen aus?

Ich hab immer eine große Neugierde gehabt, was Musik anbelangt und durfte entdecken, dass ich da talentiert bin. Die erste Band, in der ich gesungen hab, war die meines Gesangslehrers, da hab ich mein Gehör und meine Stimme trainiert, seitdem habe ich dann  viel Background gesungen, bei verschiedensten Projekten und Künstlern, und dabei viele Leute kennenlernen- und überhaupt sehr viel lernen dürfen.

Hast Du neben deiner Tätigkeit als Sängerin auch etwas anderes studiert, gelernt oder in einer anderen Branche gejobbt?

Ich habe mich tatsächlich mal auf die Bewerbung für ein Gesangsstudium vorbereitet, das dann aber abgebrochen, weil irgendwie alle studierten Sänger um mich herum Gesangslehrer waren, was auch toll ist, aber überhaupt nicht mein Ding, weil mir das nicht liegt. Ich wusste, ich wollte gleich mit meiner Stimme arbeiten, was vielleicht naiv und übermütig war, für mich aber glücklicherweise funktioniert hat.

Die Jugend als Afrodeutsche im Deutschland der 1980er und 1990er. Wer waren deine Vorbilder, gab es auch Schwierigkeiten?

Ich fand viele toll, von Michael Jackson, Kylie Minogue, Prince, Janet Jackson und Whitney Houston in den 80ern bis Aaliyah, Destiny’s Child und die ganze R&B-Bande in den 90ern. Ich weiss allerdings nicht, ob das wirklich so viel mit der Schublade „Afrodeutsch“ zu tun haben muss. Ich fand auch Doris Day toll, als Kind auch mal Eros Ramazotti oder Jürgen von der Lippe.

Ich bin ca. seit meinem 2. Lebensjahr ohne meinen Vater aufgewachsen. Das war für mich seitdem einfach Realität, und erst im Nachhinein als Erwachsene hat sich das für mich als „Schwierig“ herauskristallisiert. Darüber singe ich in meinem Song „Papa Kiste“, meine nächste Single, die am 20.05. rauskommt. Das ist mein wohl persönlichster Song.

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Grace Risch wuchs mit der Musik von Lauryn Hill, Eros Ramazzotti und Doris Day auf. (Foto: Warner Music)

Glückwunsch zu deiner eingängigen ersten Single „Mücke“. Ein richtiger Ohrwurm… Dein neuer Song „Mücke“ ist sehr synthlastig und poppig, eine bewusste Entscheidung?

Klar. Ich liebe Pop. Pop ist frei, kann alles mögliche sein, das liebe ich daran. Den tollen Beat von „Mücke“ hat Bassmaster Haze gemacht und mit Maxim hab ich dran getextet. Der produzentische Feinschliff ist von den Jungs von Rakede!

Als man das erste Mal von dir hörte mit dem Song „Kleine Welt“, klang das alles noch ein wenig urbaner… Hast du das Gefühl R&B auf Deutsch hat es schwer?

Ich habe verschiedene Songs auf meiner EP, die mit 6 Tracks am 05. August rauskommt. Der ein oder andere Track klingt wärmer, so wie z.B. „Papa Kiste“ und „Nur Gold“, der, wie ich finde, trotzdem einen ziemlich poppigen Charakter hat. Und dann gibt es modernere Stücke, wie „Mücke“ oder auch „Leinwand“, was z.B. sehr R&Bmässig daherkommt. Hier hat Chefket, von dessen Stimme ich grosser Fan bin, einen super Part beigesteuert.

Ich glaube, das zu machen, worauf man Lust hat, ist gut. Ich sehe meine Musik eher als Pop mit R&B Touch, durch die Art wie meine Stimme geprägt ist, aber das Definieren, Beurteilen und Einodnen überlass ich gerne anderen, damit möchte ich mich selbst gar nicht so sehr beschäftigen. Ich finde als Künstlerin liegt meine Arbeit und Aufgabe eher darin, die Schubladen abzuschütteln, sogar zu ignorieren, als sie zu füttern.

Gibt es deutschsprachige Sänger in diesem Genre, die du feierst, deren Musik du empfehlen würdest?

In diesem Genre feiere ich auf jeden Fall Chefket.

Celina Bostic ist super toll, nicht nur durch ihre Stimme, ich liebe auch den Wortwitz ihrer Texte und ihre tiefen Messages dabei. Auf ihrem wunderbaren Album „Zu Fuss“ ist auch ein von mir mitgeschriebener Song drauf, er heisst „Kleines Kino“.

Abgesehen von R&B finde ich in der deutschsprachigen Musiklandschaft Maxim super toll, mit dem ich auch an einigen meiner Songs gearbeitet habe. Ich mag auch, was Philip Poisel macht, oder auch die Samtstimme von Andreas Bourani.

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Ihr aktuelles Video „Papa Kiste“ drehte sie in Nigeria und behandelt die Beziehung zu ihrem Yoruba-Vater.

Du hast sehr oft mit Megaloh kollaboriert, zuletzt als Background-Sängerin auf „Oyoyo“, wenn ich das korrekt heraushöre. Wie steht ihr zueinander, woher kennst du ihn?

Ich habe Megaloh über Max Herre kennengelernt, mit dem ich für seine „Hallo Welt“ Kampagne als weiblicher Part ein paar Jahre live unterwegs war. Mega war auf einigen Tourneen der Support Act, auch noch bevor sein Album „Endlich Unendlich“ rauskam. Bei einem Konzert in Bremen, als ich schon bereit für die Max Show neben der Bühne wartete, ist mir der letzte Song von Megalohs Set aufgefallen, das war „Endlich Unendlich“, bis dato noch ohne Gesang. Ich fand die Harmonien genial und war überzeugt, dass da unbedingt Gesänge drauf müssten. Die Chöre hab ich noch während der Tour in einem Hotelzimmer in Wien arrangiert und das hat super gepasst. Seitdem haben wir viel zusammen gearbeitet, bzw. auch sein Produzent und live-DJ Ghannaian Stallion und ich. Für Megalohs aktuelle Platte „Regenmacher“ war ich entsprechend auch wieder dabei und vorm Album kam noch sein Track „Sie wissen Bescheid“, wo ich auch mit im Video dabei bin, so wie jetzt bei „Oyoyo“. Gedreht hab ich meinen „Oyoyo“ Part in Hamburg mit Felix Leiberg (DOP) und meiner Managerin Deirdre Laughton. Das war ziemlich lustig, eine spontane Aktion, denn eigentlich war ich da gerade auf Tour mit Sarah Connor, die ich auf ihrer „Mutterspache live“ Tournee durch Deutschland als Support Act begleitet habe.

Der Sound des Songs „Oyoyo“, der Afrobeat scheint gerade überall durch die Decke zu gehen. Hast du eine besondere Verbindung zu der westafrikanischen Musik? Lieblingskünstler?

Ich bin u.a. mit High Life Musik und Fela Kuti aufgewachsen, Fela höre ich immernoch gerne.

Ich freue mich, dass westafrikanischer Sound in so neuer und cooler Art im deutschen – man kann doch schon sagen – „Mainstream“ Platz findet, das ist einfach fresh, macht Spass.

Ich war für den Videodreh zu meiner nächsten Single „Papa Kiste“ und für ein Familientreffen im Herbst letzten Jahres zum ersten mal in Nigeria. Da hab ich mir natürlich ein paar Tips zu aktuellen nigerianischen Künstlern geholt und feiere u.a. Wizkid sehr ab!

Könntest Du dir vorstellen auf Englisch oder gar auf Yoruba, Igbo Songs einzusingen?

Yoruba nicht unkompliziert, aber an sich kann ich mir alles mögliche vorstellen. Französich liebe ich z.B. zum singen.

Auf englisch hab ich früher nur gesungen, sogar ein Album veröffentlicht: das Projekt hiess GRETEL und das Album „The Big Bad Wolf and the 11 Lost Songs“, was ich mit dem berliner Produzententeam „The Krauts“ produziert habe, habe ich im Alleingang rausgebracht. Man bekommt es immernoch online bei iTunes! Das war alles super. Aber in der Zeit, in der ich viel mit Max Herre getourt bin, hab ich mich quasi umentschieden, jetzt singe ich auf Deutsch.

Apropos einsingen… Was genau kann man von deiner kommenden EP erwarten? Inwiefern setzt Du dich ab von anderen sogenannten „Urban-Pop“-Interpretinnen, mit denen man unvermeidlicherweise verglichen wird?

Ich hab auf der „Mücke“ EP 6 tolle Songs, die verschiedene Facetten von mir zeigen, von sehr persönlich nah und emotional wie „Papa Kiste“ bis modern und stylisch wie „Mücke“. Ich habe dafür mit tollen Leuten zusammengearbeitet: u.a. Farhot, Maxim, Samy Deluxe und Chefket.

Ich persönlich find mein Mini-Album sehr unique, bewusster Pop und dabei nicht so wie das Meiste. Das ist aber Geschmacks- und Ansichtssache, das kann dann jeder selbst beurteilen und einordnen, oder einfach das, was gefällt, geniessen und feiern.

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Risch sang bereits mit und für Sarah Connor, Sido und Megaloh

Erzähl uns von deinen Produzenten und wie die EP entstanden ist… Joy Denalane erzählte einst in einem Interview, dass ihr sehr schwer fällt Musik auf Deutsch zu schreiben, da ihre Vorbilder alle Englisch sangen und Deutsch keine so schöne Sprache sei. Hattest du ähnliche Probleme?

Ich finde die deutsche Sprache wunderschön, sie kann so differenziert und tief sein. Das Texten braucht auf deutsch einen ziemlich intensiven Prozess (bei mir zumindest), der sich aber immer lohnt, finde ich. Ich habe mir besonders für meine Anfänge einfach Leute geschnappt, von denen ich diesbezüglich sehr viel halte. Ich finde es auch immer noch toll, mit jemandem zusammen zu texten, als mir alles ganz alleine auszumalen. Oft sind die Grundideen von mir, es kann sich aber alles auch ganz neu und frisch ergeben, da gibt es keine Regeln. Meistens hab ich in einer dreier Konstellation gearbeitet: Produzent, Texter und ich. Das erste mal war das so in Hamburg bei Farhot im Studio, den ich vorher bei der Max Herre MTV unplugged Aufzeichnung kennengelernt hatte. Er hatte Justin Balk als Texter dazu geholt und wir hatten genau einen Tag Zeit. Da ist „Kleine Welt“ entstanden.

Auf der EP singst du wunderschön, virtuose Riffs und Ad-Libs. Hast du das Gefühl, der deutsche Musikmarkt schätzt guten Gesang ausreichend? Manchmal habe ich den Eindruck wer zu gut singt, verlieht an Coolness und wird als schmalzig abgetan. Ist das nur mein Eindruck?

Was heisst schon gut oder schlecht. Ich bin trotz R&B Einfluss zur Zeit gerne reduziert mit Riffs, weil ich finde, dass tausend Schleifen der Klarheit eines Songs etwas wegnehmen können. Wenn es Spass macht und passt, passt es, wenn nicht, dann muss ich keinen Wettbewerb eröffnen, wieviele Töne ich in einer Silbe unterbekomme. Cool ist für mich ehrlich, so echt wie’s gerade geht.

Das romantische Duett „Leinwand“ hat bereits einen Gesangspartner, gibt es noch andere absolute Wunschkollabos für die Zukunft?

Klar, je nach Songs, die noch entstehen werden, gibt es bestimmt auch mal eine Idee für eine/n Duettpartner/in. Ich lass mich da selber überraschen, ein konkreter Feature-Wunsch gehört für mich mit zum kreativen Prozess.

Auf dem Song „Nur Gold“ redest du von der Suche nach der „Zeit in Gold“… Wie sähe deine Zeit in Gold aus?

Ich meine mit der „Zeit in Gold“ die Zeit, in der man glücklich ist, ganz präsent im Moment. Das kann ja beim Zähne putzen sein, bei einem Waldspaziergang oder auf einer Bühne. Und das ist ja nicht nur für jeden anders, sondern für jeden auch dauernd anders. In meinem Song „Nur Gold“ geht es um das Abschied nehmen von einer Situation, aus der das Leben einen hat rauswachsen lassen, und um den entschlossenen Weg ins Ungewisse, voller Hoffnung, auch wenn’s noch weh tut.

Liebe Grace vielen Dank für deine Zeit, und viel Erfolg für deine weiteren Projekte, gibt es irgendwas was Du noch unbedingt los werden willst, den Menschen, oder der Jugend da draußen mitgeben möchtest?

Vielen Dank für das liebe Gespräch.

Schaut hier hier aktuelles Video Mücke!

Über Malcolm Ohanwe 96 Artikel
Malcolm Ohanwe moderiert sein eigenes Format "MalcolmMusic", wo er das Who-is-Who der Genres R&B, Afrobeat, und Hip-Hop interviewt.

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