Harlem Shuffle – Sommer 2004

Torsten Williamson-Fuchs
Torsten Williamson-Fuchs

Soulmusik mit intelligenten deutschen Texten, das kommt – leider – sehr (sehr!) selten vor. Das es geht, zeigen die Söhne Mannheims, die sich mit „Noiz“ (Xavier Naidoo GmbH/Universal Dômestic) lautstark zurückmelden. Der vielköpfige Männerchor hat – und das ist besonders zu unterstreichen – einen eigenen Stil entwickelt, der Botschaften über intensive Musik verkündet und auf offene Ohren (und Portemonnaies …) bei den Plattenkäufern stößt. Beispiel: „Traurige Lieder“ – ein Song, den man fühlen kann – Soul eben. Schön, das der Prophet ausnahmsweise auch im eigenen Lande was zählt. Und Hut ab vor Xavier Naidoo, der auf vielen Hochzeiten tanzt (Fourtress; Kollabos mit Bintia und Kool & The Gang …) und dennoch einen Output hat, der eben nicht von der Stange kommt.

Mit zwei Compilations macht das Haus ZYX auf sich aufmerksam: Zum 7. Mal heißt es „From Jazz To Soul ‚N‘ Funk to Blaxploitation“ – unter dem Motto „Everything I Do Gonna Be Funky“ (Brown Sugar) sind Raritäten und große Songs aus dem Fundus der Black Music entstaubt worden. Künstler wie Melvin Sparks und O’Donel Levy geben sich die Klinke in die Hand. Der zweite Sampler widmet sich einmal mehr dem Label Stax. „The Whole Damn World Is Going Crazy“ reiht 21 ’selected Stax-Heartmenders‘ auf, und zwar die weniger bekannten wie „Which Way“ von The Leaders – die bekannten classics waren ja bereits auf den Vorgängern gekoppelt worden. Mit beiden Compilations lässt sich herrlich abtauchen in eine Welt voller Perlen der schwarzen Musikgeschichte.

Für Liebhaber derselben gibt es noch eine gute Nachricht: Der Importservice ARIS hat Meisterwerke von Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echos aus dem Jahr 1977 wieder entdeckt. Das Jazzfunk-Album „Renaissance“ und der Konzertmitschnitt „Live!“ aus dem Jahr 1977 sind jetzt auf CD erhältlich. Die meist längeren Stücke des Tastenmeisters und seiner virtuosen Mitstreiter haben natürlich eine andere Ästhetik als dreiminütiges Video-Fastfood. Sie waren damals gut, sind es heute noch und werden es auch in vielen Jahren noch sein. ‚Deeply Soulful And Uplifting‘ urteilt die New York Times über The Holmes Brothers und bringt damit die Essenz von „Simple Truths“ (Alligator/In-Akustik) auf den Punkt.

Entspannte Klänge zwischen Blues, Folk und Soul vom Delta, voller Schmerz und Zufriedenheit – simple Songs, die sich am besten mit einem guten Drink goutieren lassen. Eine der prägenden Figuren von Fourplay, Larry Carlton, hat seinem Affen Zucker gegeben und mit „Sapphire Blue“ (Blue Bird/ARIS) ein Album aufgenommen, das neun Songs im Kansas City Style anbietet. Carlton ist – im Gegensatz zu The Holmes Bros. – fast schon akademisch an den Blues herangegangen. Dennoch macht es Spaß, den Läufen eines der weltbesten Gitarristen zu folgen, die von einem treibenden Gebläse flankiert werden.

Rahzel vertraut nur auf ein Instrument, seine Stimme. Das Mixtape „Rahzel’s Greatest Knockouts“ (Sure Shot/PIAS) ist eher ein Voicetape, das Höhepunkte seiner MC-Auftritte und damit ein ‚best of beatboxing‘ eingefangen hat. Unglaublich, wie Rahzel sein Zäpfchen kreisen lässt, aber diesen anstrengenden Kampf kann man nur in Etappen verfolgen – er geht dafür über 26 Runden.

Franky Kubrick, der als Karibik Frank mit deutschen Covers von R&B-Hits für fragende Blicke auf den Floors sorgte, hat mit „Rücken zur Wand“ (Four Music) etwas Eigenes geschaffen. Musikalisch wirkt das zwischen Rap und R&B pendelnde Album wie aus einem Guss, bei den Texten ist allerdings nichts erkennbar, das den 23-Jährigen aus der Grauzone des Deutsch-Raps herausragen lässt.

Über Torsten Fuchs 529 Artikel
Torsten Fuchs ist ein Experte der Black Music und bereits früh als Redakteur zu rap2soul gekommen. Torsten schreibt CD-Kritiken für mehrere Magazine. Als Moderator war er für JAM FM tätig, zuvor war er auch bereits bei Radio PSR und als Showhost bei MDR Sputnik. Torsten Fuchs ist Mitglied beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik e.V. in der Jury für "Hip Hop, Soul, R&B".