Einstürzende Aufbauten: Incognito-Konzert in Offenbach

Die Konkurrenz war an diesem Novembermontag ziemlich stark. Am Wochenanfang nach dem Black Friday wartete der Black Monday im Rhein-Main-Gebiet mit gleich drei sehenswerten Konzerten für Freunde der schwarzen Musik auf. Curtis Harding im Zoom Club, Gregory Porter in der Alten Oper und Incognito im Capitol Offenbach.

Dort baute zunächst die Funky Style Coalition langsam aber stetig Stimmung auf: Vor allem mit ihren eigenen Songs punktete diese funky GroKo, die sich aus über einem Dutzend Musiker speist. Etwas abrupt endete ihr Auftritt, gefühlt wollte die Coalition noch länger spielen – Schicksale einer Vorband…

„Wir sind Incognito und wir sind 38 Jahre alt“

Incognito hatten sich mit Großaufgebot an Gesangsstars angekündigt, die Ich-AG um Bluey Maunick wollte z. B. die legendäre Sängerin Maysa Leak mitbringen. Nun, es blieb bei den viel versprechenden Worten auf dem geduldigen Papier der Presseinformation. Auch der Veranstalter PASS Events aus Aschaffenburg gab sich überrascht: Dass zwei Sänger nicht aufgetreten seien, sei nicht abgestimmt gewesen, erklärte Geschäftsführerin Heidrun Fernau-Rienecker dazu. Bluey Maunick sagte mir nach der Show, Maysa sei gerade in den USA, um ihr aktuelles Album „Love is a battlefield“ zu promoten. Und Tony Momrelle sei in London, um dort Promotion zu machen.

Natürlich ist es etwas ärgerlich, wenn angekündigte Musiker nicht auftreten, an diesem Konzertabend war es Nebensache, denn das Fehlen der beiden fiel nicht weiter auf.

Imaani und Vanessa Haynes mit vokalem Hochleistungssport

Incognito spielte routiniert ein knapp zweistündiges Set vor ca. 400 Leuten, die Stärke der Band war die Stärke ihrer Solisten. Bluey gab den Nile Rogers an der Rhythm Guitar und kontrollierte fast unmerklich die Abläufe auf der Bühne. In den ersten Minuten der Show vergriff er sich sogar einmal; wenn einem wie ihm so etwas unterläuft, hat das natürlich Charme. Die Bläsersektion hatte die Messer gewetzt, Imaani und Vanessa Haynes boten abwechselnd vokalen Hochleistungssport. Bluey gab im Lauf des Konzerts zu, dass er und seine Leute am Vorabend skeptisch gewesen seien. Sie hätten dunkle Straßen ohne Menschen gesehen und sich gefragt, ob da der Vibe überspringen würde. Ja, er sprang, musste auch Bluey zugeben, der sich erfreut über das Lächeln in den Gesichtern seiner Fans zeigte.

„When you smile we p(l)ay back“

Deshalb würden sie touren, und wenn sie dieses Lächeln sähen, würden sie zurückzahlen. Unbedingt erwähnenswert an diesem Abend und schon in der Überschrift dieser kleinen Nach(t)kritik fixiert: Die Aufbauten stürzten um, nachdem sich Schlagzeuger und Perkussionist eine mehrere Minuten andauernde musikalische Auseinandersetzung an ihren Arbeitsplätzen lieferten. Beide ließen es so richtig krachen und prügelten um die Wette auf ihre Arbeitsmittel ein. Das machte Spaß und den Auftritt auch dadurch unvergessen, dass der Galgenbeckenständer samt Crash-Cymbal zunächst ins Wanken geriet und anschließend vom Podest herabstürzte. Die Crash-Cymbal machte ihrem Namen alle Ehre – geplant war das nicht…

Am Ende eines recht furiosen Auftritts wurde Bluey noch richtig gesprächig: Er erzählte Anekdoten von Auftritten mit Carl Cox, empfahl das Album des Techno-Musikers und kommentierte das Weltgeschehen, um sich nach einer ausgiebigen Zugabe mit „One love“ in die Autogrammstunde zu verabschieden, Bob Marley kam dann von der Festplatte. Auch bei der Selfie-Session war der Incognito-Gründer professionell und volksnah: Jeder, der wollte, bekam sein Handy-Pic plus Smalltalk. Und nahm noch einen Nachschlag Sympathie mit auf den Nachhauseweg.

Über Torsten Fuchs 523 Artikel

Torsten Fuchs ist ein Experte der Black Music und bereits früh als Redakteur zu rap2soul gekommen. Torsten schreibt CD-Kritiken für mehrere Magazine. Als Moderator war er für JAM FM tätig, zuvor war er auch bereits bei Radio PSR und als Showhost bei MDR Sputnik. Torsten Fuchs ist Mitglied beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik e.V. in der Jury für „Hip Hop, Soul, R&B“.

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